Heute mal eine andere Uhr, die ich (mit Hilfe eines Freundes aus Österreich) wieder zum Leben erweckt habe:
August Schatz & Söhne, Ships Bell, 8 Day, 7 Jewels, Kaliber 39. Eigentlich im Gehäuse der Aug. Schatz & Söhne „Ships Bell“ eingebaut, aber hier im großen Gehäuse der „Royal Mariner“.
Hier das Gehäuse mit Werk-Tragscheibe ohne Ziffernblatt.
Zum Kaliber 39 noch einige Zeilen weiter unten. Sehr interessante Geschichte! Fast wie ein Roman.
Bitte die Glasenuhr NIE mit den Schiffschronometern verwechseln. Beide hatten unterschiedliche Aufgaben: Das Schiffschronometer war (vor GPS) für die Kursberechnung Lebensnotwendig und war daher meist in der Kapitäns-Kajüte untergebracht, während die Glasenuhr für das geregelte Leben auf dem Schiff zuständig war. Als dritte Schiffsuhr gibt es dann noch die „Tidenuhr“, eine Uhr, die für einen bestimmten Küstenbereich die Wechsel von Ebbe und Flut auf dem Ziffernblatt zeigte.
Etwas zu Glasenuhren vorab.
Glasenuhren sind Schiffsuhren, also Uhren, die vornehmlich auf Schiffen Verwendung fanden und daher niemals Pendel hatten. Als Gangregler ist immer eine Unruh erforderlich, denn diesem Gangregler macht das Schwanken eines Schiffes kaum etwas aus. Pendeluhren würden sehr schnell ihren Dienst versagen. Die Glasenuhren waren die Nachfolger der „Glasen“ – der ½-Stunden-Sanduhren.
Wie ja auch Landratten bekannt ist, wurden auf den Schiffen der Christlichen Seefahrt 6 Wachen über die 24 Stunden gehalten. Das heißt, alle 4 Stunden waren Wachwechsel und die nächste Mannschaft musste antreten. In die so leer gewordenen Kojen schlüpften dann die Seeleute, deren Wache gerade geendet hat.
Wie wurde also so eine Uhr eingesetzt?
Die Glasen (Sanduhr) musste vom Wachhabenden alle ½ Stunde umgedreht werden. Um der Mannschaft dies mit zu teilen, wurde die Schiffsglocke geschlagen. Jedes Umdrehen der Sanduhr wurde als „Glasen“ bezeichnet. Die Vollen Stunden waren immer gerade „Glasen“ und die ½ Stunde die Anzahl der Vollen Stunde + 1 Glasen, also ungerade. Und zwar in folgendem Ablauf:
Zitat aus WIKIPEDIA:
Wache Crew Glasenschläge - Rhythmus - Uhrzeit
8 1 2 3 4 5 6 7 8
.. .. .. .. . .. .. . .. .. .. .. . .. .. .. .. .. .. . .. .. .. ..
1. Tagwache (04:00 bis 08:00)
Morgenwache 1 04:00 04:30 05:00 05:30 06:00 06:30 07:00 07:30 08:00
2. Tagwache (08:00 bis 12:00)
Vormittagswache 2 08:00 08:30 09:00 09:30 10:00 10:30 11:00 11:30 12:00
3. Tagwache (12:00 bis 16:00)
Nachmittagswache 3 12:00 12:30 13:00 13:30 14:00 14:30 15:00 15:30 16:00
4. Tagwache (16:00 bis 20:00)
Plattfußwache 1 16:00 16:30 17:00 17:30 18:00 18:30 19:00 19:30 20:00
1. Nachtwache (20:00 bis 24:00)
Abendwache 2 20:00 20:30 21:00 21:30 22:00 22:30 23:00 23:30 24:00
2. Nachtwache (00:00 bis 04:00)
Hunde- oder Hundswache 3 00:00 00:30 01:00 01:30 02:00 02:30 03:00 03:30 04:00
Also bei 8 „Glasen“ ist der Wachbeginn, dann geht es weiter mit 1 Glasen, 2 Glasen, 3 Glasen, usw. Bei 8 Glasen dann wieder Wachwechsel, die nächste Crew trat den Dienst an.
Die „Glasen“ werden heute nur noch auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ geschlagen, aus alter Tradition.
Im Hafen wurde nie „Geglast“. Es gab ja die Kirchturmuhren, die die Zeit angaben.
Aber jetzt wieder zurück zur Glasenuhr. Ihr könnt Euch an Hand der Tabelle sicher vorstellen, dass der Glasenschlag ein besonderes Schlagwerk in der Uhr voraussetzt.
Im Prinzip ist hier ein Rechnenschlagwerk verbaut. Unterschiedlich sind folgende Teile:
1.) Der Auslöser. Bei normalen Schlagwerken ist der Nocken für den ½ Stundenschlag etwas Kürzer wie der des Stundenschlags, damit der Stopphebel des Rechens nicht voll ausgehoben wird. Hier sind beide Nocken gleich lang.
2.) Die Staffelscheibe ist in 3 Segmente á 4 Staffeln aufgeteilt.
3.) Eine sinnvolle Hebelanordnung kommt noch dazu, um den 2. Glasenschlag bei ½ zu verhindern.
4.) Das Hebnägelrad (oder Sternrad) hat Hebnägel (oder Zacken) in einer Anordnung je 2 Hebnägel (Zacken) kurz hinter einander, dass erzeugt den Doppelschlag.
Gelb: Schöpfer
Rot: Sternscheibe, gut zu sehen die Doppelzacken
Grün: Taster auf der Staffelscheibe
Blau: Stopper
Gelb: Einrückhebel
Grün: Schlagunterdrückung. In der Mitte des Bildes noch zu sehen die Nockenscheibe für die "Gestattung" des Doppelschlages.
Jetzt aber zur Uhr. Ich sagte ja schon, Hersteller ist August Schatz & Söhne. Und dazu gleich etwas Verwirrendes!
Aug. Schatz & Söhne hatte die Fabrik in Triberg / Schwarzwald. Ein Sohn von August Schatz, Carl Schatz, er hatte die Englische Staatsbürgerschaft und hatte in England eine Uhrenfabrik gegründet. Mitarbeiter rekrutierte Carl aus der Insolventen BADUF (Badische Uhrenfabriken) in Gütenbach, von wo er aus der Konkursmasse auch etliche Maschinen nach England holte. Auf Grund der Weltwirtschaftskrise (seine Firma in England florierte nicht so richtig) bot nun die Gemeinde Gütenbach dem Carl Schatz die Gebäude der ehem. BADUF an. Carl gründete 1934 die GUFA. Die Firma war aber auf August Schatz und Rudolf Heim ins Handelsregister eingetragen.
Ab ca. 1958 begann bei der GUFA die Produktion der Glasenuhren für Aug. Schatz & Söhne. Ebenfalls wurden in Gütenbach auch Thermometer und Barometer gebaut und ebenfalls unter dem Namen „Schatz“ vertrieben. Daher gibt es komplette Zusammenstellungen – Glasenuhr, Barometer und Thermometer als Einheit. Dieser Uhrentyp und die komplette Einheit kamen beim Publikum gut an.
1980 wurde die GUFA komplett an Aug. Schatz & Söhne in Triberg verkauft, aber es wurde weiter in Gütenbach produziert, unter anderem jetzt auch Jahresuhren. Es ist sehr schwer, fest zu stellen, welche „Schatz-Uhr“ nun wo gebaut wurde. Auch wurden dann in Gütenbach Jahresuhren unter GUFA vertrieben und eigene Batteriewerke etc. entwickelt.
1986 musste die Jahresuhrenfabrik Konkurs anmelden und die Produktion der Glasenuhren in Gütenbach ging an die Firma KUNDO, die mit 55 Mitarbeitern die Produktion der Glasenuhren weiter betrieb, unter dem Namen „Schatz“!
Diese Ausführungen oben stammen zum Teil aus dem Buch „Lexikon der Deutschen Uhrenindustrie 1850 – 1980 Band 2“
von Hans-Heinrich Schmid.
Mir sind bis dato 4 unterschiedliche Kaliber dieser Glasenuhren bekannt:
1.) Royal Mariner mit dem Kaliber SCH, wahrscheinlich in Triberg gebaut (erste Variante mit zwei Hämmern)
2.) Kaliber SCH, aber jetzt nur noch mit einem Hammer. Das Heberad wurde entsprechen geändert.
3.) Ships Bell (GUFA noch unter Schatz) mit dem Kaliber SCHM
4.) Ships Bell (in Gütenbach unter der Regie von KUNDO) Kaliber 39
Alle diese Werke sind mit der Bildmarke Aug. Schatz & Söhne gemarkt. Verwirrend, das Ganz, gelle!?
Also, diese Uhr wurde MEINE Uhr, als ich sie (die Uhr!) in der Bucht entdeckt habe. Die Beschreibung war derart neben der Kappe, dass wirklich nur das Bild aussagte, HALLO! Ich bin eine Glasenuhr!
Ich hab dann mal geboten und war einigermaßen erstaunt, als ich dann den Zuschlag bekam.
Was war nun mit dieser Uhr? Na, sie zeigt die Zeit, wie sie wollte. Sehr ungenau und manchmal blieb sie auch einfach stehen.
Die Uhr war äußerlich in einem sehr gepflegten Zustand. Aber nach öffnen des Gehäuses musste ich dann feststellen, dass da wohl Jemand einen Ölwechsel gemacht hat in der Hoffnung, die Uhr wieder zu richtigen Zeigen der Zeit bewegen zu können. Dem war aber sicher nicht so. Viel Öl hilft eben nicht immer.
Dann kam der eigentliche Fehler zum Vorschein: Der Gangregler – ein Echappement – hat seinen Geist aufgegeben, die Zapfen von der Unruh waren stark abgelaufen, die Welle musste ersetzt werden.
Sonst war das Werk, dem Ölwechsel sei dank, in einem tadellosen Zustand. Nur das Schlagwerk sollte wohl mal zum „Richtigen“ Schlagen gebracht werden – total verdreht und verstellt, dat Janze!
Also meinen Bekannten aus Österreich kontaktiert: Kannst Du und willst Du? Er konnte und wollte.
Nach einiger Zeit kam dann das Echappement repariert zurück (eine fast passende Unruh-Welle wurde umgearbeitet) und wieder eingebaut. In der Zwischenzeit hatte ich das Werk gereinigt, zwei defekte Lager ersetzt, dass Werk montiert und den Schlag eingestellt.
Jeder hier kennt ja die Problematik der Einstellung von Rechenschlagwerken! Einige Heber, Räder und Hebel müssen in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen, sonst funzt das nienich. Ich mach(te) da vor dem Zerlegen immer Fotos. Hilft ungemein, aber eine Fummelei ist das trotzdem. Aber ich habe ja schon einiges an Übung mir diesen Uhren und Werken. Bei diesem Kaliber zumindest hatte der Konstrukteur von KUNDO bereits eine Neuerung eingebaut. Anstelle der Hebnägelrad war ein Hebestern verbaut, der mit zügiger Reibung auf der Welle saß und daher gegenüber dem Schlagwerk verdreht werden kann. Also braucht man zur Einstellung nicht immer die Werkplatinen lösen und die Eingriffe der Räder verändern. Sehr Zeitsparend, diese Einrichtung!
Noch eine Anmerkung zum Schlag selbst: Bei dieser Uhr (Kaliber 39) wird von innen mit einem Hammer auf eine Glocke (so groß, wie die des Kal. SCH) geschlagen. Bei dem Kaliber SCH wird von Außen auf die Glocke geschlagen, auch beim alten SCH-Kaliber mit 2 Hämmern. Bei der Ships Bell (Kaliber SCHM) gibt eine Tonfeder den Wachablauf an.
Der Test erforderte noch die Justage des Ganges, aber auch das war nun kein Problem mehr, da auch hier meine neue „Alte“ Greiner Junior zum Zuge kam.
Nun hängt sie (die Uhr, nicht die „Alte“) an der Wand und schlägt mir mit ihrer Kollegin 1,5 Meter weiter die Glasen um die Ohren.
Klingt aber sehr schön, das Duett. Die eine (Ships Bell) hat eine Klangfeder und die Andere (Royal Mariner) Schlag mit Hammer auf eine Glocke. Und das „Stunden-Glasen“ ist auch fast Synchron!!!
Aug. Schatz & Söhne Royal Mariner Kal. 39
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Aug. Schatz & Söhne Royal Mariner Kal. 39
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Re: Aug. Schatz & Söhne Royal Mariner Kal. 39
Hallo Rolf-Dieter,
vielen Dank für diesen schönen Bericht und die Hintergrundinformationen!
Viel Spaß und Freude an der Uhr, bzw. an dem Duett!
Schöne Grüße
Guido / KleineSekunde
vielen Dank für diesen schönen Bericht und die Hintergrundinformationen!
Viel Spaß und Freude an der Uhr, bzw. an dem Duett!
Schöne Grüße
Guido / KleineSekunde