Schwarzwald-Uhr, ca. 1880
Jeder kennt das alte Rätsel: Hängt an der Wand und wenn es runter fällt…
Nun ja, diese Uhr ist mal von der Wand gefallen.
Die Frage war dann – fast wie immer – kannst Du mal…
Also gefallene Uhren hatte ich ja schon einige, aber eine echte Schwarzwalduhr? Das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen. Die Antwort war also JA!
Von Vorne sah die Uhr ja noch ganz gut aus. Aber dann die Schadenaufnahme: Nur 1 Kette vorhanden. Pendel ausgehangen. Gewichte vorhanden. Der Rahmen für das schöne Ziffernblatt in Ordnung, aber nicht mehr am Gehäuse zu befestigen – ein Haken samt Öse aus dem Holz gerissen und natürlich weg. Oben statt Öse einfach eine Holzschraube. Das war auch nicht gut.
Nach Demontage der Zeiger konnte ich dann das Ziffernblatt abnehmen und der nächste Schock folgte: Vom Zeigerwerk war kein Rad und Trieb mehr im Eingriff, dafür zeigte aber die Zeigerwelle gen Himmel. Folgen des Sturzes!
Dann habe ich mir erst einmal das Holzwerk (Schottenwerk) genauer angesehen. Das schien auch irgendwie verschoben zu sein, obwohl alle Wellen zwischen den Holzplatinen gerade saßen. Seltsam, es war an den Leimstellen des Käfigs auch nichts zu sehen, dass etwas gebrochen oder lose wäre. Seltsam!
Dann die ganze Geschichte weiter untersucht und im Kopf den Plan zur Demontage festgelegt. Eigentlich ist das ein recht einfaches Werk: Gangzeit ca. 30 Stunden mit Reserve bei 1,8 m Kettenlänge.
Das Gangwerk bestand aus 3 Rädern: Boden- und gleichzeitig Kettenrad das auch mit dem Trieb das Zeigerwerk in Gang setzte, Zwischenrad und Hemmrad. Und natürlich den Blechanker, auch Schwarzwaldhemmung genannt.
Das Schlagwerk war schon etwas komplexer: Ein Schlossscheibenwerk mit vollem Stundenschlag und ½ Stundenschlag einfach auf eine Tonfeder. Die Hebnägel waren hier bereits auf dem Bodenrad (Kettenrad) angebracht, über einen Trieb auf der Rückseite wurde auch die Schlossscheibe angetrieben, dann folgten das Herzrad, das Anlaufrad und der Windfang.
Jedes Werkteil wurde durch eine Leiste mit Messingröhrchen als Lager gehalten. Diese Leisten waren mit einem Stahlstift gesichert. Nach entfernen der Stifte konnte ich die Räder einzeln entnehmen. Die sahen alle sehr schlimm aus, die Uhr hatte sicher seit 80 Jahren keinen Uhrmacher mehr gesehen. Eine Inschrift auf der Rückseite nannte ein Reparaturdatum 7 / 1936. Wenn das wirklich die letzte Ölung der Uhr war.
Nach der Reinigung im US-Bad (natürlich nur die Metallteile, Holz nur mit einer Bürste und trocken) die wenig Erfolg hatte, die erste Untersuchung. Was sofort auffiel, war das enorme Spiel der Kettensterne auf den Lagerwellen. Da konnte man fast einen Schraubendreher zwischen stecken, so hat das geklappert. Und die Sperrklinke rutsche auch hinter das Sperrrad. Das war auch der Grund, dass die Ketten immer von ihrem Stern fielen.
Das war also die erste Arbeit, überlegen, wie man (ich) dieses Spiel beseitigen konnte. Verschiedene Gedanken gedacht und wieder verworfen. Messinghülse einsetzen? Ja, in Ordnung, nur die müsste ich anfertigen lassen. Also weiter gedacht und dann die Idee: Bronze-Lagerbuchsen. Die gab es fast genau in den benötigten Abmessungen 4x6x6mm. Bei diesen Abmessungen musste nur noch der Außendurchmesser etwas auf 5,5mm abgedreht werden. Leider hatte sich der Lieferant aber im Innendurchmesser vertan: 3mm statt der 4mm. Nun ja, nach dem beseitigen der „Feilenzähne“ auf den Wellen der Bodenräder hatten die sowieso nur noch 3,9mm Durchmesser, so kam mir das alles sehr zu Pass. Nach Einschlagen der Buchsen dann den Innendurchmesser vorsichtig aufgerieben bis die Wellen wieder richtig passten und das Spiel weg war. Jetzt fielen die Ketten auch nicht mehr von den Sternen.
Das Weitere wäre dann nur noch das Setzen der Räder und schon… Denkste! Hier muss man von Rückwärts durch die Brust ins Auge. Erst beide Bodenräder, dann die Hebel für das Schlagwerk, dann das Schlagwerk und wenn das richtig funktionierte, kam das eigentliche Uhrwerk dran.
Das Schlagwerk ist ja eigentlich sehr einfach. Aber um die richtige Stellung der Räder zueinander zu bekommen mussten jedes Mal die Triebe außer Eingriff gebracht werden. Eine elendige Fummelei. Dazu kam dann noch, dass ja auch die Hebnägel genau sitzen mussten. Ich glaube, dass Ganze habe ich wohl um die 10-mal gemacht.
Lager á la Schwarzwald:
Aber das war nicht zur Strafe. Nein, nein, nur zur Übung. Umso größer war dann die Freude, als alle zur Zufriedenheit zusammenspielten. RODICO hat dabei sehr geholfen.
In der Zwischenzeit wurden die bestellten Ketten auch geliefert. Schön Messinggelb. Das konnte ich aber so lassen, da das Pendel und die Gewichte der Uhr auch schön aus Messing waren. Nur gereinigt, Poliert und Konserviert.
Am Ende dann noch ein wenig den Auslösehebel justiert, damit die Auslösung auch um Voll oder ½ passierte und nicht vorher oder nachher.
Die Zeigerwelle hatte ich schon gerichtet und auch gereinigt, das Zeigerwerk war dann ein Klacks.
Der erste Test auf dem Galgen. 2 Minuten, die Uhr steht und hört sich auch an, wie ein Ackergaul mit Husten. Was war das dann?
Nun ja, Fehler sind dazu da, dass sie gemacht werden. Ich hatte das Pendel (das geht bei dieser Uhr von der Pendelaufhängung ganz oben im Gehäuse ohne Unterbrechung bis zur Pendellinse) falsch in der Ankerverlängerung eingehangen. Einfach daneben!
Den Stein höre ich noch heute Plumpsen, als ich den Fehler lokalisiert hatte. Dann nochmal die Finger verbogen, um das Pendel RICHTIG ein zu hängen, aber dann…
Lässt sich doch sehen, die alte Dame, oder? Das war etwas mehr als das übliche Waschen, Legen, Föhnen!
Schwarzwalduhr (ca. 1880) wieder zum Leben erweckt
- Der_Stromer
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Schwarzwalduhr (ca. 1880) wieder zum Leben erweckt
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Re: Schwarzwalduhr (ca. 1880) wieder zum Leben erweckt
Hallo Rolf-Dieter,
vielen Dank für den sehr schönen und ausführlichen Bericht!
Nun, eine Grundlage dieser Uhren ist wohl die gute Verfügbarkeit von Holz als Rohstoff im Schwarzwald für diese Uhren. Bemerkenswert, dass diese Uhren auch nach so vielen Jahren immer noch lauffähig sind... Zumal Holz ja auch entsprechenden Dimensionsänderungen je nach Umgebungsbedingungen unterworfen ist.
Das beschriebene Lager scheint mir recht dünn zu sein - eventuell täuscht das Foto aber auch. Aber wenn ich es auf einem der folgenden Fotos richtig sehe, gibt es in dem Bereich auch entsprechende Einlaufspuren. Ein breiteres Lager ware ja vorteilhaft. Daher die Frage auch in die Runde: Ist dies typisch für diese Art von Uhren um Material zu sparen? Oder wurde hier ein Blech mit geringer Stärke verwendet, weil es eben verfügbar war?
Schöne Grüße
Guido / KleineSekunde
vielen Dank für den sehr schönen und ausführlichen Bericht!
Nun, eine Grundlage dieser Uhren ist wohl die gute Verfügbarkeit von Holz als Rohstoff im Schwarzwald für diese Uhren. Bemerkenswert, dass diese Uhren auch nach so vielen Jahren immer noch lauffähig sind... Zumal Holz ja auch entsprechenden Dimensionsänderungen je nach Umgebungsbedingungen unterworfen ist.
Das beschriebene Lager scheint mir recht dünn zu sein - eventuell täuscht das Foto aber auch. Aber wenn ich es auf einem der folgenden Fotos richtig sehe, gibt es in dem Bereich auch entsprechende Einlaufspuren. Ein breiteres Lager ware ja vorteilhaft. Daher die Frage auch in die Runde: Ist dies typisch für diese Art von Uhren um Material zu sparen? Oder wurde hier ein Blech mit geringer Stärke verwendet, weil es eben verfügbar war?
Wie hast du diese Zeigerwelle gerichtet?Der_Stromer hat geschrieben:...dafür zeigte aber die Zeigerwelle gen Himmel.
Was genau sind denn die "Feilenzähne"? Vermutlich Unzulänglichkeiten bei der Oberflächenbearbeitung der Wellen?Der_Stromer hat geschrieben:Leider hatte sich der Lieferant aber im Innendurchmesser vertan: 3mm statt der 4mm. Nun ja, nach dem beseitigen der „Feilenzähne“ auf den Wellen der Bodenräder hatten die sowieso nur noch 3,9mm Durchmesser, so kam mir das alles sehr zu Pass.
Schöne Grüße
Guido / KleineSekunde
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Re: Schwarzwalduhr (ca. 1880) wieder zum Leben erweckt
Doch, das ist solch ein dünnes "Lager". Ist aber nicht fürs Räderwerk, sondern nur für Auslöse- oder Schlagwerkhebel. Da hält sich die Belastung in Grenzen.
Die Idee mit dem Rodico ist gut!
Wie in einem anderen Forum schon gesagt, würde ich solche Uhren niemals an der Rückwand aufhängen, sondern immer auf eine Konsole stellen. Einmal ist dadurch die Gefahr geringer, dass die Uhr den Absturz macht und nur noch das Rückwand-Brettchen an der Wand hängt. Außerdem vermeidet man so ein Verziehen des Werkgestells in Form einer Raute. Bei einem Ein-Tage-Werk ist das vielleicht noch akzeptabel ohne Konsole. Hier sind die Gewichte nicht allzu schwer. Aber wie Du siehst: Auch diese Uhr ist von der Wand gefallen. Und das ist mit Sicherheit nicht die erste Uhr, der das passiert.
Beim Aufziehen Gewichte immer anheben, dann verschleißt das Kettenrad nicht so stark.
Mich wundert, dass das Zifferblatt solche Fallsucht ohne Beschädigung überstanden hat.
Ich persönlich vermeide solche "Schreiner-Reparaturen", wo ich kann. Aber manchmal kommt mir so etwas auch unter die Hände. In aller Regel sind diese Uhren auch in Gang zu bekommen.
Frank
Die Idee mit dem Rodico ist gut!
Wie in einem anderen Forum schon gesagt, würde ich solche Uhren niemals an der Rückwand aufhängen, sondern immer auf eine Konsole stellen. Einmal ist dadurch die Gefahr geringer, dass die Uhr den Absturz macht und nur noch das Rückwand-Brettchen an der Wand hängt. Außerdem vermeidet man so ein Verziehen des Werkgestells in Form einer Raute. Bei einem Ein-Tage-Werk ist das vielleicht noch akzeptabel ohne Konsole. Hier sind die Gewichte nicht allzu schwer. Aber wie Du siehst: Auch diese Uhr ist von der Wand gefallen. Und das ist mit Sicherheit nicht die erste Uhr, der das passiert.
Beim Aufziehen Gewichte immer anheben, dann verschleißt das Kettenrad nicht so stark.
Mich wundert, dass das Zifferblatt solche Fallsucht ohne Beschädigung überstanden hat.
Ich persönlich vermeide solche "Schreiner-Reparaturen", wo ich kann. Aber manchmal kommt mir so etwas auch unter die Hände. In aller Regel sind diese Uhren auch in Gang zu bekommen.
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Re: Schwarzwalduhr (ca. 1880) wieder zum Leben erweckt


@ Guido: Nein. Braucht es an dieser Stelle nicht, den wie Frank schon geschrieben hat ist das nur eine Halterung ohne besondere Belastungen. Ich meinte eher die "Nagelspitzen" als Lager für 2 Wellen. DAS ist wohl richtig "Schottisch"

Die Zeigerwelle richten ist kein Problem: Zwei Stifte aus der vorderen Platine gezogen und man hat die komplette Welle in der Hand. Denn die hat ja keine direkte Verbindung zum Werk. Anschließend wieder aufgesetzt und die Stifte (vorher in die Löcher einen Span von Zahnstocher eingesetzt) wieder eingepresst.
"Feilenzähne" = meine Wortschöpfung

@ Frank: Nun ja, man weiß ja nicht, wie die Uhr abgestürzt ist. Aber sogar das Glas hat das überlebt. An den Lucken im Glas kann man erkennen, dass das noch das Originale ist!
"Schreinerarbeiten" vermeide ich auch, wo es nur geht. Alles soll so erhalten bleiben, wie es ist. Nur ticken soll die Uhr wieder. Und das tun sie auch, wenn sie wieder an der Wand hängen.
Zum Hängen: Nun, eine entsprechende Konsole wäre in vielen Fällen wirklich angebracht. Aber bei dieser Uhr war die Rückwand schon vor sehr langer Zeit mit zwei Holzschrauben befestigt worden (jetzt habe ich eine, da sind an diesen Stellen Holzstifte!!). Das habe ich nicht rückgängig gemacht und so wird die Rückwand das Gewicht und das Aufziehen (Gewichte ANHEBEN wie Du ja schreibst) sehr gut aushalten.