Mal keine Jahresuhr, sondern ein „Ochsenauge“ von Schlenker & Kienzle, ca. 1910.
Das Baujahr dieser Uhr lässt sich ganz gut festlegen. Auf dem Werk ist eine Patent-Nummer des Deutschen Reiches geprägt (DRP 147023): Patent für ein neuartiges Schloss-Scheiben-Schlagwerk von E. Schlenker, eingetragen am 05. Dezember 1902. Also konnte die Uhr erst nach 1902 gebaut worden sein. Nach zu lesen bei DEPATISNET.COM unter der Nummer DE147023! Der Name Ochsenauge kommt von der Bauart des Gehäuses, in dem das große Ziffernblatt dominiert. Dahinter verbirgt sich ein 14-Tage Amerikaner-Werk mit Schlag zur ½ Stunde und vollen Stunde auf eine Tonfeder. Solche Uhren waren sehr oft in Schulen, Büros, etc. im Einsatz, bevor sie durch zentrale Uhrenanlagen abgelöst wurden. Die große Tonfeder und der recht heftige Schlag des Hammer beendete beim Schlagen sicher abrupt jeden Büroschlaf zur halben und Vollen Stunde. Diese Uhr hing wohl in einem Büro einer Privatbrauerei in Bayern, wie mir der Besitzer erzählte.
Für den neuen "Einsatzbereich" der Uhr, im Wohnzimmer, habe ich den gewaltigen Schlag deutlich abgemildert: ein ganz weiches Leder auf den Kopf und den Fallweg stark begrenzt. Jetzt war der Schlag erträglich und noch nicht einmal meine Nachbar haben ihn gehört.
Nach der Ausmusterung kam diese Uhr dann in den Besitz seines Großvaters und hing auch lange Zeit ohne Funktion im Keller, bis sich der Besitzer erbarmte und mir diese Uhr vorstellte.
Nun, das Alter kann man auch schon vom vorhandenen Staub im Werk ableiten: Über 110 Jahre. Drei mal mussten die Werkteile durch das US-Bad laufen, bis sich der gröbste Schmutz gelöst hatte. Und dann die Handarbeit……. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen, oder? Wie schon Oben mal kurz angerissen: Das Werk ist ein Amerikaner-Werk (die Platinen sind aus Messingblech – 2,5 mm – Gestanzt, die Triebe sind sog. Hohltriebe, die ebenfalls maschinell hergestellt werden konnten, die Zahnräder sind auch gestanzt. Also eine sehr günstige und Kosten sparende Produktionsmethode, die so um 1870 das erste Mal in Deutschland auftauchte und eben aus Amerika kam. Deutsche Uhrmacher weigerten sich lange, solche „Billigwerke“ zu reparieren) mit einer Laufdauer von 14 Tagen. Diese Federn waren der reine Horror bei der Reinigung, aber es musste sein! Die Hemmung dieser Uhr ist eine Hakenhemmung mit Kurzpendel (16 cm). Eigentlich eine ungünstige Kombination, da ja die Hakenhemmung (eine Rückführende Hemmung) besser für lange Pendel geeignet ist. So konnte ich auch bei dieser Uhr feststellen, dass bei voll Aufgezogenem Werk ein Vorgang zu bemerken war und bei fast Abgelaufener Feder – so nach 14 Tagen – ein Nachgang.
Eine richtige „Arbeitgeber-Uhr“. Hat man die Uhr beim Aufziehen richtig eingestellt, wurde sie über die 14 Tage immer langsamer und man musste länger Arbeiten. - - Ist natürlich Unsinn! --

Übrigens ist bei dieser Uhr die Schlagwerk-Feder um einiges stärker ausgelegt als die Gangfeder. Das sorgt dafür, dass immer das Uhrwerk im Fall der Fälle VOR dem Schlagwerk zum Stillstand kommt und somit nach dem Aufziehen der Stundenschlag noch stimmt.
Nach Überprüfen und polieren der Zapfen und Reinigen der Lager (erstaunlich: Alles war in Ordnung – Staub schütz?!?!) - wurde das Werk wieder zusammengesetzt und der Probelauf am Galgen konnte beginnen. Der Abfall der Hakenhemmung war einfach zu justieren, da die Ankergabel zügig auf der Ankerwelle befestigt ist. Länger dauerten die Justage des Ganges. Aber meine alte Greiner leistete auch hier gute Dienste. Nun zum Gehäuse: Kein besonderes Material, ein heimisches Weichholz dass zum Glück noch keine Bewohner hatte. Hier waren diverse Lack- und Firniss-Schichten aufgetragen und zuletzt alles gründlich mit einem dunklen Schelllack "veredelt". Also erst einmal die das Glas und die Lünette entfernt, dann das Gehäuse mit einem in Spiritus getränktem Lappen abgerieben. Das nahm schon mal den Schmutz und Staub runter und verhalf dem Schelllack wieder zu etwas Glanz. Mehr sollte hier auch nicht gemacht werden. Schwieriger war da schon die aus dünnem Messingblech bestehende Lünette. Die war wohl mit Schwefelleber Brüniert und dann auch ein paar Mal mit diversen Farben überzogen worden. Dass alles wieder runter zu bekommen war eine Tagesarbeit, die ich meinem besten Freund nicht wünschen möchte. Aber jetzt glänzt sie (die Lünette) wieder und das konvexe Glas habe ich mit etwas Rodico zusätzlich befestigt, da die 5 Blechnasen für das 24 cm Glas - noch original! - mir zu „labberig“ erschienen.
Und so sieht die Uhr jetzt aus. Die Arbeit hat sich bestimmt gelohnt.