Beschreibung Telavox

Vorstellung von Uhren und Uhrensystemen
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Typ1-2-3
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Beschreibung Telavox

Beitrag von Typ1-2-3 »

Auf vielfachen Wunsch eines Mitglieds des Forums ;) will ich hier kurz eine weitere Elektrouhr mit Schlagwerk vorstellen. Die hat es technisch in sich und bietet eindeutig technische Lösungen abseits des Mainstreams.

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Die Uhren wurden von einem dänischen Hersteller gebaut und sind unverkennbar, sie haben nämlich alle das große Loch im Stundenzeiger. Hier ein schönes Modell aus Bakelit mit einem schwarz lackierten Holzfuß. Andere Modell sind meiner Meinung nach nicht so nett. Aber es gibt auch andere hübsche Modelle.

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Der Hersteller dieser Uhren war in erster Linie ein Radiohersteller, was man an vielen Konstruktionsdetails erkennen kann. Zuerst z. B. an der Gehäuserückseite: Eine Verwandtschaft mit Gehäuserückseiten von alten Röhrenradios ist nicht zu verkennen: Das Blech, die Stoffbespannung. Alles Details, die auch bei den Radios von der Rückseite oder auch der Vorderseite üblich waren.

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Mit dem Hebelchen links kann man das Schlagwerk lautlos stellen. Abstellen kann man es natürlich nicht, denn es zieht ja das Uhrwerk auf.

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Das Werk von hinten zeigt wieder einige Details eines Radioherstellers. So sind die Platinen aus Pertinax hergestellt. Das ist - man soll es nicht glauben - ein hervorragendes Lagermaterial für Gleitlager. Der Hersteller hat dies wohl erkannt und daher ganz konsequent alle Lager nicht ausgebuchst. Das Material war dem Hersteller bekannt, daher die Anwendung.

Das Räderwerk zeigt, dass der Motor das Schlagwerk antreibt und gleichzeitig damit eine kleine Räderwerksfeder. Große Kräfte treten im ganzen Uhrwerk nicht auf, daher ist die Uhr trotz der schwachen Platinen robust.

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Das Prinzip ist ähnlich der Kienzle-Schlagwerkuhr. Der Hersteller hat sich aber auch in den 40ger und 50ger Jahren auf dieses Prinzip versteift. Nur diese Uhren wurden hergestellt, auch einige Modelle ohne Schlagwerk. Aber eine weitere Uhrenproduktion gab es nicht.
Der Herstellungsbeginn dieser Uhren kann durch ein Patent ermittelt werden, denn das Schwingsystem ist innovativ. Das Patent ist 1943 ausgegeben worden und hat die Nummer 616 969 in englischer Sprache, wohl GB 616 969.

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Auch hier kann man wieder die Einflüsse des Radioherstellers erkennen: Jedem Radiotechniker ist bekannt, dass es 2 Arten von Drehspulinstrumenten gab: Ein klassisches mit 2 Lagern für das Messwerk, häufig in Körnerlagern wie bei einem Wecker. Bei den herkömmlichen Messwerken waren für die Rückstellkräfte 2 Spiralfedern zuständig, die gleichzeitig als Zuleitung dienten. Das Prinzip hat den Nachteil der Lagerreibung bei kleinsten Strömen. Ein anderes Prinzip war - und zwar für besonders hochwertige Geräte - dass man die Zuleitungskabel zum Messwerk gleichzeitig als Aufhängung für die Spule benutzte und ebenso gleichzeitig als Rückstellfeder. Bei den hochwertigen Geräten konnte man also auf Spiralfedern verzichten und hatte auch keine Lagerreibung. Wenn man dieses Prinzip auf ein Uhrenschwingsystem überträgt, gelangt man zu der Abbildung oben. Der Spanndraht ist gleichzeitig Spirale und Unruhwelle. Nachteil dieses Systems ist alleine seine Größe. Reguliert wurde die Unruh durch das Totlegen eines Teiles des Spanndrahtes, an der rechten Seite erkennbar. Die Rändelmutter ist zum Regulieren. Durch eine kleine Gabel kann ein Teil des Spanndrahtes totgelegt werden, so dass die Uhr mehr oder weniger vor läuft. Das Schwingsystem ist robust und ohne Lagerreibung, wohl aber ein wenig teuer.

Auf der Rückseite des Werkes (Bild 4 oben) kann man den Kontakt sehen, durch den der Motor ein- und ausgeschaltet wird. Das geschieht natürlich jede halbe Stunde beim Schlagen. Dazu wird gleichzeitig der Kontakt geschlossen und der Motor wie ein Rasenmäher sicher angeworfen. Das geschieht durch den langen Hebel mit dem Draht am Ende.

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Der Motor ist auch eine sehr seltsame Konstruktion. Die Spulen werden durch eine Art Kollektor ein- und ausgeschaltet, so dass immer nur der Rotor dann angezogen wird, wenn dies für den Lauf des Motors sinnvoll ist. Die Sache läuft äußerst energiesparend, die Batterie hält mehr als ein Jahr!

Das Schlagwerk ist ein Rechenschlagwerk, einfach aus Blechpressteilen hergestellt.

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Die Uhren laufen - trotz ihrer einfachen Herstellung - viele Jahre sicher mit sehr geringem Stromverbrauch. Trotzdem gibt es davon nur äußerst selten Angebote, wohl weil sich Uhrmacher weigerten, diese Uhren zu reparieren. Wahrscheinlich wurden sie dann einfach weggeworfen.

Frank
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milo
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Re: Beschreibung Telavox

Beitrag von milo »

Danke lieber Frank für Deine Mühe und den äußerst informativen Bericht über die Telavox.
Erstaunlich, dass es davon nicht mehr Exemplare gibt!

Gruß :D Milo
petsch
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Re: Beschreibung Telavox

Beitrag von petsch »

Typ1-2-3 hat geschrieben:Auf vielfachen Wunsch eines Mitglieds des Forums ...
Hallo Frank,
mein Wunsch war die Vorstellung natürlich auch! ich kenne die Telavox-Uhren zwar, aber Deine Detailfotos und die Erklärungen sind immer beachtens- und lesenswert.
Als ich so eine Uhr das erste Mal gesehen habe, besser gesagt ins Innenleben gesehen hatte, hat mich die Technik echt überrascht. So etwas kannte ich bis dahin gar nicht und von vorne hatte ich an eine gut gestylte Uhr mit normalem Pendelwerk gedacht.

Damit, dass man sie selten sieht, hast Du vollkommen Recht. Ich versuche seit Monaten mal eine bei ebay zu finden, weil ich sehen möchte, welche Preise die hier erzielen , habe aber bisher noch kein Angebot gefunden. Hab zwar nicht täglich gesucht, aber alle paar Wochen hab ich erfolglos die Suche mit Telavox gefüttert.
Eine Erklärung für das seltene Auftauchen hast Du ja schon vermutet, eine andere könnte sein, dass die Uhren kaum exportiert wurden. Soweit ich weiß hat die Firma zu Zeiten der deutschen Besetzung mit dem Bau der Uhren angefangen, weil sie verzweifelt nach Produkten suchte, die die Firma auslasteten. Immerhin hatte die Fabrik, wie ich mal gelesen habe, 250 Arbeiter und evtl. war unter den Nazis die Produktion von Radios verboten oder mit Einschränkungen versehen.

Wenn auch das Werk mit den Platinen und den gestanzten Blechteilen billig aussieht, so sind die Uhren an sich oft excellent gemacht , jedenfalls, was Design, Material und Ausführung der Gehäuse und Zifferblätter angeht. Dein Bakelitgehäuse ist eigentlich eine Ausnahme, denn die meisten haben sehr gut ausgeführte Holzgehäuse.

Wenn ich nächste Woche Zeit habe, kann ich mal ein paar Fotos von den Modellen machen, die ich besitze, ich glaube, ich hab auch eine dabei ohne Schlagwerk, die, soweit ich das beurteilen kann, noch seltener auftaucht. Außerdem gibts die Telavox auch noch als Timer, also als Schaltuhr.

Gruß
Peter
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Typ1-2-3
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Re: Beschreibung Telavox

Beitrag von Typ1-2-3 »

Habe noch eines vergessen: Ich hatte mal vor langer Zeit ein Video eingestellt:

http://www.youtube.com/user/Elektrische ... AX8AoiXpMA

Aufzug und Schlagen der Telavox-Uhr. Wie man sieht, ist das meine mit dem runden Gehäuse.

Bin mal auch gespannt auf Eure Uhren von Telavox.

Unter Telavox und Clocks gibt es auch einiges im Netz.

Frank
KleineSekunde
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Re: Beschreibung Telavox

Beitrag von KleineSekunde »

Hallo Frank,

wieder ein sehr schöner, anschaulicher und informativer Bericht! Vielen Dank dafür!

Zuerst war ich ja bei Pertinax als Platinenmaterial etwas skeptisch, aber auch heute werden ja durchaus Kunststoffe als Gleitpartner in Verbindung mit Metallen erfolgreich eingesetzt. Warum also nicht die Kombination Pertinax mit Metall? Da die Uhr ja schon einige Jahre alt ist und keinen übermäßigen Verschleiß aufzuweisen scheint, hat es sich ja wohl bewährt. Chemisch ist es durchaus recht stabil, die Verwendung von üblichen Reinigungsmedien sollte also auch kein Problem darstellen.

Eventuell könnte das Material auch gewisse selbstschmierende Eigenschaften aufweisen, ich würde aber vermuten, dass die Lagerstellen wie üblich geölt werden. Korrekt?


Hallo petsch,

vor ein paar Wochen gab es bei Ebay eine entsprechende Uhr mit Holzgehäuse. Dies wurde für 76,90 € verkauft. Aber nicht an mich, ich hatte zwar mitgeboten, aber aufgrund des akuten Platzmangels eben nicht hoch genug... So ist das halt.

Das angesprochene runde Loch im Stundenzeiger hatte die jedoch nicht - eventuell wurden die Zeiger einmal getauscht oder es gab auch abweichende Varianten.

Schöne Grüße

Guido / KleineSekunde
Berrnd-Klaus
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Re: Beschreibung Telavox

Beitrag von Berrnd-Klaus »

Hallo Typ1-2-3,

eine interssante Uhr.Noch etwas zu den Zeigern,diese Zeiger benutzte auch Palmtag.Ich habe noch einige Paare. Auch habe ich noch 2 elektr.Schlagwerke von Palmtag und große und normale Synchron-Uhrwerke.

Gruß Bernd-Klaus
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Typ1-2-3
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Re: Beschreibung Telavox

Beitrag von Typ1-2-3 »

Hallo Bernd-Klaus!

Zeigen!!!!!!!! Habe an so was immer Interesse.

Frank
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ATOmania
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Re: Beschreibung Telavox

Beitrag von ATOmania »

Interessanter Bericht, danke auch von mir!

Ich hab auch eine Uhr mit solchen Zeigern. Das Werk ist ein Klappankerwerk von Emes. Die Marke auf dem Zifferblatt ist von Peweta.
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Typ1-2-3
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Re: Beschreibung Telavox

Beitrag von Typ1-2-3 »

Batterielebensdauer mit 3 AA Alkali-Zellen in Reihe, also 4,5 V: 2 Jahre und 7 Monate! Ordentlich für einen Motor, der jede Stunde 2 Mal läuft.

Originale Flachbatterie mit Zink-Kohle-Batterie hatte nur 11 Monate gehalten. Dann habe ich sie ausgeschlachtet und 3 AA-Alkali-Zellen eingesetzt. Hat gelohnt: Billiger und besser.

Frank
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soaringjoy
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Re: Beschreibung Telavox

Beitrag von soaringjoy »

Im Batteriebau hast Du ja schon immer besonderes geleistet, Frank!

Aber zeig doch mal die 4,5 V Zinc-Kohle Varta.

BTW: Als Kinder hatten wir Spaß daran, die Zunge an die Laschen
zu halten, das kribbelte so schön. :P
Heute würde man mit den Kinderchen zum Arzt rennen....
"tempus nostrum"
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