Die Uhr beim Zahnarzt: Eine Bildergeschichte

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Typ1-2-3
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Die Uhr beim Zahnarzt: Eine Bildergeschichte

Beitrag von Typ1-2-3 » Sa 5. Mär 2011, 13:24

Hallo

Wollte hier mal beschreiben, wie man bei einer Uhr Zähne ersetzen kann, und zwar ohne irgendwelche speziellen Werkzeuge. Es geht einfach nur um das "Gewusst Wie".

Ab und an kommt auch mir mal eine mechanische Uhr auf den Werktisch, ansonsten je eher die elektrischen. In diesem Falle habe ich aber arg in den Mist gegriffen:

Schadensbild: Mehrere Lager verschlissen, Zapfen angegriffen, aber vor allem: Das Gesperr hat nachgegeben. Defekt dadurch: Sperrrad kaputt, ebenso die Sperrklinke. Viel schlimmer ist aber der Defekt am Federhaus. Außerdem ist das Beisatztrieb krumm.
Das defekte Sperrrad kann aus dem Vorrat ersetzt werden. Die Sperrklinke muss neu angefertigt werden (Laubsägearbeit), leider muss dazu aber auch die Niete ersetzt werden, die die Sperrklinke hält. Das Trieb konnte gerichtet werden, die Triebzähne waren noch in Ordnung.

Hier geht es um das Federhaus:

2 Zähne abgeknickt, leichte Risse im Zahnfuß. Der Zahnarzt muss kommen:

Bild

Also wird ein Loch in das Federhaus gebohrt, die Laubsäge wird durchgefädelt und die defekte Stelle ausgesägt. Dabei habe ich die Lücke so groß gemacht, dass die Zahnlücken der 2 defekten Zähne noch mit entfernt wurden. Das sieht dann, allein nach dem Sägen, so aus:

Bild

Durch die Vergrößerung auf diesem Bild sieht das etwas grobschlächtig aus, ist es aber nicht, wenn man sauber sägen kann.

Demnächst geht es weiter in diesem Theater.

Frank

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Typ1-2-3
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Re: Die Uhr beim Zahnarzt: Eine Bildergeschichte

Beitrag von Typ1-2-3 » Sa 5. Mär 2011, 21:20

So, jetzt geht es weiter:

Wenn man sich den herausgeschnittenen Ausschnitt ansieht, dann erkennt man, dass er hinten breiter ist als vorne. So etwas nennt man Schwalbenschwanz. Das verhindert, dass das eingesetzte Teil herausfällt.

Jetzt geht es ans Anfertigen des Fehlteiles. In diesem Falle durch recht grobes Aussägen eines Stücks Messing aus einem Reststück Sechskantmaterial. Danach wurde noch fein gefeilt, bis alles passt, möglichst spielfrei. Das Messingstück soll von alleine halten, alleine durch die Formgebung.

Bild

Man sieht: Nur das Allernötigste ist fein bearbeitet, der Rest mit einer groben Eisensäge aus dem Material herausgesägt. Damit die Passung oben sauber ist, wurde der Messingseckskant vorher oben plan gedreht. Das geht aber auch mit einer Feile. Hier kann man das noch einmal besser erkennen:

Bild

Zu der groben Bearbeitung: Man will natürlich vermeiden, dass man Dinge fein bearbeitet, um sie hinterher wegzuwerfen!
Die herausgenommene Ecke ist einfach dazu da, damit sie im Inneren des Federhauses nicht übersteht. Einfach innen anreißen, wenn das Teil eingesetzt ist. Und absägen!

Dann setzt man das Teil noch einmal ein, reißt außen an, wo man absägen will, und sägt ab. Das Passstück eingesetzt:

Bild

Man sieht, dass das Stück ziemlich genau passt. Die leichten Ungenauigkeiten fallen auf dem Foto mehr auf als in Natura, wegen der starken Vergrößerung. Das Passstück soll übrigens etwas überstehen, wozu das - später mehr.

Dann wird Weichlot angelegt, eventuell noch säurefreies Flussmittel anlegen:

Bild

Jetzt könnte man mäkeln, dass man bei Uhrwerken nicht weichlöten soll. In diesem Falle aber ist es besser als alles andere, und zwar aus 2 Gründen:
1. Durch Hartlöten würde das Messing des Federhauses und der Flicken weicher, was nicht gut sein kann.
2. Bei älteren Uhren ist gerade bei Federhäusern das Rad auf eine Trommel aufgelötet. Und zwar weich!! Wenn man da versucht, hart zu löten, kann das nicht gut gehen.
Außerdem hat die Weichlötung nur einen Sinn: Sie soll verhindern, dass der Flicken seitlich herausfällt. Halten soll er alleine durch die Formgebung! Insofern hat das Zinn nicht viel zu halten.

Trotzdem wird die Weichlötung wie eine Hartlötung mit der Flamme durchgeführt. Die Flamme soll weich sein. Das bedeutet, dass nicht nur die Lötstelle konzentriert erwärmt wird, sondern die Umgebung recht großräumig auch. Dann fließt das Zinn bei der richtigen Temperatur in den Spalt, es verschwindet regelrecht. Eventuell muss man noch Zinn nachlegen, wenn der Spalt noch nicht vollkommen geschlossen ist. Je besser man vorher gearbeitet hat, je weniger Zinn braucht man!

Anschließend sieht das dann so aus:

Bild

An dem Bild kann man sehen, dass ich vor der Lötung die Umgebung der Lötstelle gesäubert habe. Außerdem habe ich das Federhaus gereinigt, denn das Fett, was sich darin immer befindet, ist beim Verdampfen nicht unbedingt gesundeitsfördernd.

Jetzt geht es an die Nacharbeit, denn der Flicken sitzt fest: Außen wird die Kante des Flickens dem Zahnspitzenkreis angepasst, einfach mit der Feile. Damit man die Zähne aussägen kann, habe ich mir die Sache einfach mit dem Edding markiert.

Bild

Den Rest macht dann die Laubsäge:

Bild

Man kann schon erkennen, was es werden soll!

Feine Schlüsselfeilen bringen dann die Zahnform. Das Bild von der Seite zeigt auch die untere Kante der Zähne. Auch hier ist der Flicken an die Höhe der Zähne des Federhauses angepasst worden:

Bild

Von oben kann der Flicken passend gefeilt werden, eleganter ist es natürlich, wenn man das in der Drehbank nachbearbeiten kann. Leider ist das Foto unscharf geworden, aber man kann erkennen, was es werden soll.

Bild

Fertig abgedreht und übergeschliffen sieht man nur noch sehr wenig von der Reparatur. An sich nur, dass der eingesetzte Flicken eine andere Messingfarbe hat. Auch von der Lötung ist kaum was zu erkennen. Das Federhaus hat seine volle Funktion wieder, besonders, wenn man prüft, wie der Eingriff in das nachfolgende Trieb an der alten Schadstelle ist. Manchmal muss man nacharbeiten, aber das ist selten.

Bild

Ach ja: Zeitaufwand eine gute Stunde. Das Schreiben des Berichts hat länger gedauert!

Frank

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Felix18
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Re: Die Uhr beim Zahnarzt: Eine Bildergeschichte

Beitrag von Felix18 » Sa 5. Mär 2011, 22:13

Sehr anschaulicher Bericht. Danke.
Bis wieviel Zähne kann man mit diesem Verfahren austauschen?
C.


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Re: Die Uhr beim Zahnarzt: Eine Bildergeschichte

Beitrag von Uhrmacher 19 » Sa 5. Mär 2011, 22:43

Sehr anschaulicher Bericht.
Vielen Dank dafür !!!

Übrigens .... das mit dem Weichlot mache ich genauso.
Insbesondere bei sehr alten Uhren wurden die Messingräder durch sogenanntes Hämmern verdichtet und härter gemacht.
Mit der Hartlotflamme nimmt man dem Material die Spannung und somit Härte.

Gruß,
Jörg

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Re: Die Uhr beim Zahnarzt: Eine Bildergeschichte

Beitrag von Gnomus » Sa 5. Mär 2011, 22:55

Hallo Frank,
Dein Bericht macht Mut! Wo kriegt man solche Messing-6Kant-Stangen her? Ist doch sicher eine bestimmte Sorte?
Gruß
Micha

Philclock

Re: Die Uhr beim Zahnarzt: Eine Bildergeschichte

Beitrag von Philclock » So 6. Mär 2011, 01:10

Da kann man nehmen was da ist und zurechtfeilen,
Frank hat ja auch geschrieben"ein Rest ...". ;)

In Berlin hatte ich neulich auch so einen Fall,
da wurde von mehreren Uhrmachern gesagt das sowas nicht mehr reperabel sei.........,
dabei machen doch gerade solche Arbeiten einen Uhrmacher aus.

Frank,ich fand deinen Bericht super! :D

karlo

Re: Die Uhr beim Zahnarzt: Eine Bildergeschichte

Beitrag von karlo » So 6. Mär 2011, 07:22

Wenn das Stueck richtig passt, wuerde da wohl auch Uhu-Plus reichen. Hartloeten an gehaertetem Messing geht natuerlich nicht.

Karlo

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Felix18
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Re: Die Uhr beim Zahnarzt: Eine Bildergeschichte

Beitrag von Felix18 » So 6. Mär 2011, 08:53

Gnomus hat geschrieben: Wo kriegt man solche Messing-6Kant-Stangen her? Ist doch sicher eine bestimmte Sorte?

Messing bekommt man in allen Formen beim "Conrad".
C.


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Re: Die Uhr beim Zahnarzt: Eine Bildergeschichte

Beitrag von Typ1-2-3 » So 6. Mär 2011, 09:10

Das Messing war eine geschenkte Stange. Die ist bestimmt auch schon antik und stand jahrzehntelang in irgendeiner Garage. Lässt sich super drehen, also mit etwas Blei legiert. War halt ein Rest vom Einspannen in der Spannzange.
Durch die Sechskantform lässt sich das Material super im Dreibackenfutter spannen. Schlüsselweite einmal 14mm und einmal 17mm, also kann man auch größere Teile daraus machen.

Frank

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Re: Die Uhr beim Zahnarzt: Eine Bildergeschichte

Beitrag von Comtoisekueken » So 6. Mär 2011, 12:26

Aber man muss kein Sechskantmaterial nehmen, oder? Wir haben einfach immer irgendein Messing genommen, das von der Breite her passt.
Aber ich finds super, das das scheinbar auch mit Federhäusern geht, da mussten wir immer Stahltifte machen anstatt neue Zähne.

@Felix: Mir hat der Lehrer gesagt, das es bis 3 Zähne Sinn machen würde.

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