Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh...

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droba
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Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh...

Beitrag von droba » Do 1. Sep 2011, 21:05

Hallo Uhrenfreunde,

an dieses Lied musste ich denken, als ich vor einiger Zeit auf einem Flohmarkt auf diesen Wecker aufmerksam wurde. Es ist einer der letzten in Deutschland hergestellten Wecker. ihre Form geht auf eine amerikanische Vorlage von amerikanischen Uhrenfabriken, z.B. Seth Thomas zurück.
Diese "Babywecker" wurden ab etwa 1882 (siehe Junghans-Reprint "Gebr. Junghans Schramberg 1" von Victor Tang) auch in Deutschland hergestellt und sie begründeten ganz wesentlich die Entstehung der deutschen Uhrenindustrie. Millionen an Weckern dieser Art wurden in mehr als 100 Jahren in Deutschland hergestellt und jahrzehntelang weltweit vertrieben.

Dieser Wecker der Fa. A. Jerger KG in Niedereschach signalisiert das letzte Aufbäumen gegen den Niedergang der mechanischen Weckerfertigung:
Wecker Plastik 001.jpg
- Die historische Form des Babyweckers wird noch beibehalten, aber möglichst viele Teile bestehen nicht mehr aus Metall, sondern aus Kunststoff: Gehäuse, Rückwand, ja selbst der Klöppel der Glocken sind aus Plastik.

- Selbst die Stellgriffe von Uhr- und Weckerwerk sind aus Kunststoff.
Wecker Plastik 002.jpg
- Das Werk ist nicht mehr geschraubt, sondern Blechlaschen der Platinen krallen sich in die Pfeiler.


Wecker Plastik 003.jpg
Alle Bemühungen der Firma Jerger auf Kostenersparnis nutzten nichts- Mitte der 1990er Jahre erfolgte der Konkurs.

Deshalb: der letzte Amerikanerwecker kommt nicht aus Amerika, sondern aus Niedereschach...


droba
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Comtoisekueken
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Re: Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh...

Beitrag von Comtoisekueken » Do 1. Sep 2011, 22:05

Oh, dann ist mein Jerger-Wecker ja doch wertvoller, als ich gedacht habe, ich hatte zu dieser Firma nie etwas gefunden und danke dir hiermit sehr :) .

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soaringjoy
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Re: Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh...

Beitrag von soaringjoy » Fr 2. Sep 2011, 09:37

Eine schöne Vorstellung eines "hässlichen" Teiles, droba.

Wenn ich so etwas sehe, kommt mir ad hoc der Gedanke, dass
nicht nur japanische Quarzwerke am Untergang der deutschen
Uhrenindustrie schuld waren, sondern dass einiges auch "hausgemacht"
war.
Nein, da lobe ich mir doch den "Museumswecker" von Lebendiges Uhrenindustrie
Museum in Villingen-Schwenningen... ;)

Dieser Tage lag eine späte Junghans Wanduhr bei mir auf der Werkbank, auch
eine ziemlich grausige Geschichte.
Mehr dazu demnächst.

J.
"tempus nostrum"

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droba
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Re: Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh...

Beitrag von droba » Fr 2. Sep 2011, 15:26

Hallo Comtoiseküken

wertvoll ist der Wecker sicherlich nicht, auch ich habe nur 2 Euro dafür bezahlt. Technik-geschichtlich interessanter und nicht zuletzt auch seltener ist dieser Wecker im Gegensatz zu deutlich älteren Weckern aber jederzeit. Und die Firmengeschichte der A. Jerger KG lässt sich ja im Lexikon nachlesen.

Jürgen- Deine Sichtweise teile ich genau aus diesem Grund ebenfalls nicht wirklich.

Im Nachhinein ist man immer klüger und kann die Fehler der früheren Generation belächeln. Das ist sehr einfach. Bedenken sollte man aber auch, dass es nicht ganz einfach ist, die Verantwortung für eine Firma zu haben, in einem Wirtschaftszweig, der sich im Niedergang befindet. Da ist nicht Schönwetter-management gefragt, sondern Einfallsreichtum, Kostenbewusstsein und nicht zuletzt Fortune.

Expansion und Aufbau einer Unternehmung sind euphorisch und ehrenhaft- beim Niedergang einer Unternehmung werden die Verantwortlichen dagegen sehr schnell zu Schuldigen und Versagern gestempelt. Da kommt es dann vor, dass sich ein Verantwortlicher sogar die Kugel gibt, wenn der Konkurs abzusehen ist.

Und genau das ist bei der A.Jerger KG auch passiert: Der Verantwortliche hat sich umgebracht, als er sehen musste, dass alle seine Anstrengungen der Kostenreduzierung in der Weckerfertigung erfolglos sind. Er hat es nicht verkraftet, die seit Generationen in Familienbesitz befindliche Firma untergehen zu sehen. Seine bemerkenswerten Anstrengungen sollten wir ihm aber zu Gute halten- sie zeigen ihn als guten Ingenieur und nicht als Versager.

droba

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Re: Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh...

Beitrag von Comtoisekueken » Fr 2. Sep 2011, 17:14

Das meint ich ja mit wertvoller ;) .

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Re: Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh...

Beitrag von soaringjoy » Fr 2. Sep 2011, 17:24

Na, droba, da haben wir wohl aneinander "vorbeigeschrieben",
deswegen schrieb ich ja "ad hoc Gedanke".

Sicher, viele Faktoren können zum Untergang eines Unternehmens
führen. Wobei die subjektiven Kriterien bei den mutmaßlichen Käufern
gar nicht ohne weiteres berücksichtigt werden können.

Allerdings gab es immer mindestens zwei Faktoren, die immer wieder
vorkamen:

Erstens die Tendenz, Produkte immer billiger zu machen auf Kosten der
Qualität.
Zweitens die Übernahme einer Firma durch einen Multikonzern, der
gar kein Interesse am eigentlichen Produkt hat.
Das ging nicht nur in der Uhrenindustrie so.

Fachkompetentes know how, kreativität und Qualität sollten die
Balance halten.
Nur kaufmännisches oder nur technisches Denken ging meistens schief,
wie zahlreiche Beispiele belegen können.

Was die ehrenhafte, persönliche Komponente eines Firmeninhabers oder
Wirtschaftskapitäns angeht, da kann oder will ich nicht mitreden.
Oft verbirgt sich da einiges hinter dem Schein...

Aber, schau Dir mal meine Junghans an, dann weißt Du, worauf ich eigentlich
hinaus wollte. ;)

J.
"tempus nostrum"

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Re: Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh...

Beitrag von Typ1-2-3 » Fr 2. Sep 2011, 17:47

Das Problem ist bei solchem Niedergang ja auch:

Man kann nur Uhren produzieren, aber für die Herstellung von Quartzuhren fehlt das KnowHow. Man hat also Verantwortung für seine Mitarbeiter (wenigstens damals, heute habe ich selten den Eindruck). Man weiß aber ganz genau, dass die mechanischen Uhren out sind. Da kann man schon verzweifeln. Das einzige Mittel ist dann der Preis! Man muss also billiger konstruieren. Wenn das dann immer noch zu teuer ist, dann ist der Untergang nur noch eine Frage der Zeit.

Der Museumswecker ist auch nur in kleiner Serie absetzbar. Wenn da jemand oder einige Leute von leben müssten, wäre das auch schwierig bis unmöglich... In größerer Serie wäre ein mechanischer Wecker für 45 Schnacken nicht absetzbar!

Frank

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Re: Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh...

Beitrag von Phalos » Fr 2. Sep 2011, 22:40

Ich habe auch einen Jerger Wecker in der gleichen Gehäusefarbe. Leider wurden bei meinem sowohl Rückwand als auch Glocken schwarz lackiert.
Zudem ist er oval wie man sieht.

Das Werk ist das Gleiche wie das oben Gezeigte, auch der Klöppel ist aus Plastik; bei meinem sind allerdings die Aufzugsschrauben aus Messing. Der Löwe ist sowohl auf dem Klöppel als auch auf der Rückwand eingegossen.
BILD0007.JPG
BILD0010.JPG
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Die großen Tugenden machen ein Furry bewundernswert, die kleinen Fehler machen ihn liebenswert.

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Re: Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh...

Beitrag von droba » Sa 3. Sep 2011, 09:36

Typ1-2-3 hat geschrieben:Das Problem ist bei solchem Niedergang ja auch:

Man kann nur Uhren produzieren, aber für die Herstellung von Quartzuhren fehlt das KnowHow. Frank
Ich stimme Frank vollkommen zu- gerade der Übergang von der Mechanik zur Elektronik hat die meisten Betriebe der deutschen Uhrenindustrie vollkommen überfordert. Nur sehr wenige Betriebe haben das geschafft. (z.B. Jundes, Grässlin, Henzler und ganz besonders A. Haller)

Auch ist ja nicht so, dass Firmen, wie Mauthe, Kienzle oder Junghans die Zeichen der Zeit nicht schon lange vor ihrem Untergang erkannt hätten. Alle Drei haben sich ebenfalls in der Elektronik versucht und unternahmen Anstrengungen für die Fertigung von Zulieferteilen im KFZ- oder medizinischen Bereich. Alle drei hatten auch durchaus hoffnungsfrohe Produkte, aber die Konversion des Unternehmens haben alle drei trotzdem nicht geschafft- als die Uhrenkrise existenziell wurde, mussten zur Deckung von Finanzlöchern genau die hoffnungsvollen Neubereiche verkauft werden und die Zukunft des Unternehmens wurde dadurch verbaut.

Man mag der A. Jerger KG vorwerfen, sie habe zu lange in einen sterbenden Bereich investiert, aber es ist ja durchaus auch ein Verdienst, wenn man sich als kleiner Uhrenhersteller in einem verschwindenden Wirtschaftszweig 20 Jahre länger halten kann, wie ein Großbetrieb, z.B. Mauthe.

Der Museumswecker ist in so einem Dilemma keine Alternative: Er besteht hochprozentig aus (kostenlosen!!) Restbeständen von Werkteilen der aufgelösten Firma Hauser in Weigheim. Ehrenamtliche Mitarbeiter des Museums besorgten einige fehlende Teile und bauen ihn heute in ihrer Freizeit zusammen. Bei diesem Museumswecker ist Umsatz also nahezu auch Gewinn- auf dieser Grundlage kann keine Firma kalkulieren.

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Re: Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh...

Beitrag von droba » Fr 1. Mär 2013, 21:01

Hallo Uhrenfreunde,

dieser Thread geht noch weiter.

Nach der Öffnung des "Eisernen Vorhangs" gingen mehrere deutsche Wecker- und Uhrenhersteller in den Osten und ließen ihre Uhren und Wecker mit den billigen Löhnen dieser postsozialistischen Länder fertigen. (z.B. bei "Prym" in Tschechien, oder "MOM" in Ungarn.)

Mir war bisher aber nicht bekannt, dass offensichtlich auch Werkzeugsätze in den Osten verkauft wurden, wie zum Beispiel die Werkzeuge von diesem Wecker.
P1000783.JPG
Ich habe diesen Wecker beim ersten Anblick für einen deutschen Wecker gehalten, aber hinten ist eingestempelt "Made in Romania" Auf dem Werk finden sich die Ziffern: III-06, was auf eine Herstellung im März 2006 schließen lassen dürfte.

Ich habe zwar noch nicht herausgefunden, von welchem deutschen Weckerhersteller die Werkzeuge nach Rumänien gegangen sind, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Werkzeuge dieses Weckers ursprünglich aus Deutschland stammen.

Das ist also auch ein technikgeschichtlich interessanter Wecker, und mit Sicherheit einer der letzten mechanischen Wecker aus europäischer Fertigung. Tja.

droba
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