ATO von Haller & Benzing

Vorstellung von Uhren und Uhrensystemen
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Typ1-2-3
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ATO von Haller & Benzing

Beitrag von Typ1-2-3 » Mi 8. Okt 2014, 20:04

Vor Kurzem habe ich eine schöne ATO erwerben können, die zwar technisch nichts Besonderes zu bieten hat, aber sehr nett aussieht. Das Gehäuse hat mir sehr gut gefallen, auch, weil es äußerst gut erhalten ist. Selbst die alte Batterie von 1970 war noch dabei.

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Bild 1: Uhr vor der Reinigung

Das Zifferblatt aus Glas ist von hinten bemalt. Von außen ist es eine typische Kontor-Uhr, allerdings mit einem für die damalige Zeit sehr fortschrittlichen ATO-Uhrwerk. Dies ist eine der ersten ATO-Uhren, die in Deutschland gebaut wurden. Aufgrund des Herstellers kann die Produktionszeit ziemlich genau eingegrenzt werden.

Die Firma Haller und Benzing wurde 1918 von Johann und Christian Haller und Christian Benzing in Schwenningen gegründet. Nach 1920 wurde die Firma zur AG, die Hauptaktionäre waren Kienzle, Mauthe und Junghans. Die Firma war nicht klein, 1924 immerhin an die 400 Mitarbeiter (Quelle: Schmid, Hans-Heinrich: Lexikon der Deutschen Uhrenindustrie. Villingen-Schwenningen 2005). In diesem Jahr gab es auch Kontakte zur französischen Firma Leon Hatot in Paris. Haller nahm die Produktion von ATO-Uhren auf, war aber vollkommen von Hatot abhängig. Denn H&B baute nur die Mechanik mit dem Schaltwerk und die Spulen. Hier gibt es Unterschiede im Detail im Vergleich mit den Uhren von Leon Hatot. Die eigentlichen Kontakte wurden von Leon Hatot bezogen und sind mit den Kontakten von Leon Hatot absolut identisch. Eigenständige elektrische Messungen waren bei H&B nicht möglich, weil der Firma die Messgeräte fehlten! Auch auf wiederholte Nachfrage bei Leon Hatot wurden H&B die Messgeräte nicht bewilligt!

Schon im Jahre 1929 kam die Haller und Benzing in wirtschaftliche Schwierigkeiten und wurde in der zweiten Jahreshälfte abgewickelt. Die ATO-Lizenz ging dann auf die Hamburg-Amerikanische Uhrenfabrik über. (Quelle: Die ATO-Uhren im Stadtmuseum Schramberg. Katalog zur Ausstellung im Stadtmuseum Schramberg 13. Juli bis 21 September 2008. Schramberg 2008)

Aufgrund dieser Geschichte kann die Produktionszeit dieser Uhr recht genau bestimmt werden. H&B begann seine ATO-Produktion fast zeitgleich mit Leon Hatot in Frankreich, welche ab 1923 sowohl Kurz- als auch Langpendeluhren fabrizierten. Nach dem Katalog in Schramberg ist genau dieses Uhrenmodell etwa 1928 produziert worden. Von H&B sind nur recht wenige Uhren gefertigt worden. Bis Mai 1929 sind es nur gut 15.000 Uhren gewesen.

Meiner Meinung nach hatten die Langpendeluhren eine viel höhere Qualität, liefen dauerhafter und sehr viel genauer als die Kurzpendeluhren mit ¼-Sekunden-Pendel und Kontaktsteuerung im Pendel. Hier handelt es sich um eine Langpendeluhr, welche sekundengenau einreguliert werden kann.

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Bild 2: Werk

Das Uhrgehäuse ist immer gut geputzt worden, von außen ist die Uhr schön sauber und nur leicht verstaubt hier angekommen. Das ist auch kein Wunder, denn wahrscheinlich hat sie in einer Metzgerei gehangen. Vor einer weiß gekachelten Wand, wie das früher in Metzgereien üblich war, ergab sich bei dieser Uhr mit dem Rundrahmen aus hellem Buchenholz mit Sicherheit ein dekoratives Aussehen. Genau kann das natürlich nicht mehr bestimmt werden, das handgravierte Messingschild legt das aber nahe.

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Bild 3: Metzgerinnung

Allerdings hatte dieser Aufhängeort einige Folgen für die Uhr. So waren die Zeiger von hinten – wo keine Putzhilfe dran kommt – fettig verschmutzt. Auch war wohl mal bei einer Putzaktion die Spitze des Stundenzeigers abhanden gekommen und musste neu aufgenietet werden. Dabei wurde nur ein Stück Aluminium zur Stabilisierung von hinten vernietet und die originale Zeigerspitze wieder angesetzt. Das Bild zeigt den gereinigten Minutenzeiger im Vergleich zum ungereinigten Stundenzeiger von hinten. Beim Stundenzeiger kann man gut die Reparaturvernietung mit Hilfe eines Aluminiumstücks erkennen. Diese Reparatur wird beibehalten, sie gehört zur Geschichte dieser Uhr. Außerdem muss das Futter für den Stundenzeiger neu befestigt werden.

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Bild 4: Zeiger von hinten.

Die Fettschwaden gelangten auch durch das Zeigerloch und das Inspektionsloch unterhalb der 6 in das Gehäuse. Entsprechend sah das Uhrwerk – besonders von der Zifferblattseite betrachtet – aus. Das Pendel, welches sich hinter der Inspektionsöffnung befindet, hatte ebenfalls Fettspuren. Die Kontakte waren ähnlich verschmutzt, was irgendwann die Uhr zum Stehen gebracht hat.

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Bild5: Werk Zifferblattseite.

Die Arbeiten an der Uhr waren sehr übersichtlich: Eine Reinigung genügte. Selbst die Pendelfeder war unbeschädigt. Die Zeiger wurden gereinigt und neu lackiert. Natürlich musste ein neuer Batteriekasten angefertigt werden. Jetzt hängt diese Uhr wieder an einem sauberen Ort und funktioniert tadellos.

Frank

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droba
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Re: ATO von Haller & Benzing

Beitrag von droba » Mi 8. Okt 2014, 20:52

Gratuliere Frank, eine sehr schöne ATO und ein prima Bericht. Die Uhr scheint ein Preis bei einem Wettbewerb der Fleischer-Innung gewesen zu sein.

Gratuliere- so eine ATO mit langem Pendel fehlt mir noch!

droba

KleineSekunde
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Re: ATO von Haller & Benzing

Beitrag von KleineSekunde » Mi 8. Okt 2014, 22:15

Hallo Frank,

vielen Dank für diesen Bericht zu einer Uhr mit ihrer ganz eigenen Geschichte!

Schön, dass du die Reparatur des Stundenzeigers unverändert lässt. Sie wurde ja wohl auch gut ausgeführt und passt somit zu der Uhr!

Interessant zu sehen, was sich alles durch feine Spalte seinen Weg bahnt, um sich dann dauerhaft auch an entlegenen Stellen abzulegen...

Viel Spaß und Freude mit der Uhr!

Schöne Grüße

Guido / KleineSekunde

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