Restauration einer franz. Boulleuhr

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gegensatz
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Restauration einer franz. Boulleuhr

Beitrag von gegensatz » Mi 1. Mär 2017, 01:42

Liebe Uhrenfreunde,

heute möchte ich Euch die Aufarbeitung und Instandsetzung einer kleinen franz. Boulleuhr, vermutlich aus der Zeit zwischen 1850 und 1900 ? vorstellen, die ich im Nov. 2015 für relativ kleines Geld ersteigert hatte. Die Uhr ist 36 cm und mit Sockel 41 cm hoch, 16,5 cm breit und 14,5 cm tief. Uhrwerk, Pendel und Lynette tragen dieselbe Nummer. Zu diesem Zeitpunkt wußte und ahnte ich allerdings noch nicht, welcher Arbeits-, Zeit-, und Nervenaufwand auf mich zukommen sollte. So nach und nach stellte sich dann doch heraus, daß der Zustand nicht der Allerbeste war und vorher schon einige Bastler !!!!! dran waren. Aber einmal angefangen, konnte ich die Finger auch nicht mehr davon lassen. Ein äußerst mulmiges Gefühl hat mich nach dem Entfernen der Messingverzierungen beschlichen, da sich ein Großteil der Messingintarsien an allen Seiten des Gehäuses zum Teil bzw. ganz abgelöst hatte. Die ganz grosse Frage war nun, wie und mit was kann ich die gelösten Intarsien wieder mit dem Gehäuse verkleben.

Die Lösung kam von meinem Freund Ingo aus Zetel (Ankerhemmung), der mir mit den Tipps auf den kanad. Fischleim, die Einmachgummis und vielen anderen Hilfestellungen sehr geholfen hat. An dieser Stelle ganz herzlichen Dank an Ingo.

Nachfolgend nun einige Bilder, in welchem Zustand sich die Uhr beim Erhalt befunden hat:
$_57.JPGa.JPG
$_57.JPGh.JPG
$_57.JPGi.JPG
DSCF1985.JPG
DSCF1987.JPG
DSCF2120.JPG
DSCF2122.JPG
Als erstes habe ich beim Sockel die Oberseite neu gebeizt, die Intarsien sowie die Messingfüße gereinigt. Nachfolgend die Bilder hierzu:
Sockel vorher.JPG
Sockel Vorderseite.JPG
Gereinigte Messingteile.JPG
Als Nächstes kamen die Messingverzierungen des Gehäuses zur Reinigung im Ultraschall und Trowalisiermaschine dran mit folgendem Ergebnis:
DSCF2085.JPG
Nun war das Uhrwerk an der Reihe mit Zerlegen, Federn ausbauen, überprüfen, reinigen, einbauen und mit Zugfedernöl schmieren; sämtliche Teile des Werkes zuerst überprüfen, dann im Ultraschall reinigen und trowalisieren; anschließend der Zusammenbau, ölen und Überprüfung der Funktion. Das Werk war zwar ziemlich verschmutzt, trotzdem aber in gutem Zustand. Nun, das Werk läuft perfekt und so soll es auch sein. Nachfolgend das gereinigte Werk incl. Lynette:
DSCF2263.JPG
DSCF2362.JPG
DSCF2364.JPG
Den Höhepunkt der Restauration, das Verkleben der gelösten Messingintarsien mit dem Gehäuse, habe ich mir bis zum Schluß aufgehoben. Das war ehrlich gesagt, eine irre Arbeit, bei der mir manchmal die Haare zu Berge standen. Ich kann bald nicht mehr sagen, was ich zum Fixieren für Hilfsmittel genommen habe; mit Quarzsand gefüllte Plastikbeutelchen, kleine und große Zwingen, Holzleistchen usw. usw. Irgendwie ist es dann schon gegangen mit dem Verkleben, aber das Ganze ist mit der Trocknungszeit sehr zeitaufwändig, weil man nur Stück für Stück machen kann.

Das Verkleben mit dem kanad. Fischleim funktioniert wirklich ganz hervorragend und nach der Trocknung fügen sich die Intarsien wieder bombenfest in die entsprechenden Vertiefungen ein, die man u.U. aber vorher reinigen muß, weil ein sog. Spezialist :mrgreen: versucht hat, die Intarsien mit Sekundenkleber zu befestigen. Nach dem Entfernen der Fixierungen am nächsten Tag habe ich die Oberfläche der verklebten Teile dann mit einem leicht angefeuchteten Lappen (nicht zu naß, denn Wasser löst den Fischleim wieder) vom überschüssigen Kleber entfernt. Nachdem alle Klebereste entfernt waren, wurden die Intarsien mit einer ganz normalen Chrompolitur, die auch für Messing geeignet ist, von der braunen Schicht befreit und das Ergebnis waren schöne goldfarben glänzende Intarsien. Das dazwischen liegende Schildpatt wurde hierbei auch gleich mitgereinigt. Die rechte Hand war von der Poliererei allerdings für 1 Woche ziemlich lahm.

Die Rückseite sowie die Türe des Gehäuses habe ich mit feinem Schmirgelpapier komplett abgeschliffen, neu schwarz gebeizt und mit einer Schaumstoffrolle seidenmatt lackiert. Zuvor mußte ich allerdings noch einige ausgebrochene Stellen auskitten und schleifen.

Und nun die letzten Bilder, wie die Uhr nach den oben aufgeführten Arbeitsschritten heute im Endergebnis aussieht. Ich denke, die vielen Stunden haben sich gelohnt und ich bin froh darüber, daß die Uhr wieder in ihrem alten Glanz erstrahlt, die Zeit anzeigt und die Stunden schlägt. Wichtig bei der ganzen Sache war für mich, daß die Uhr auch trotz Aufarbeitung in ihrem ursprünglichen Zustand bleibt.
DSCF2334.JPG
DSCF2339.JPG
DSCF2351.JPG
DSCF2357.JPG
DSCF2358.JPG
DSCF2377.JPG
Nun wünsche ich Euch viel Spaß beim Betrachten der Bilder.

Viele Grüsse

Norbert
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steffl62
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Re: Restauration einer franz. Boulleuhr

Beitrag von steffl62 » Mi 1. Mär 2017, 07:56

Hallo Norbert,
Wow! Ganz tolle Arbeit mit einem Super Ergebnis und auch vielen lieben Dank für diesen ausführlichen Bericht, hab so einiges neues daraus gelernt.

lg Christian
.
Fragen, Korrekturen und Ergänzungen zu meinen Beiträgen sind ausdrücklich erbeten und gewünscht!

besra
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Re: Restauration einer franz. Boulleuhr

Beitrag von besra » Mi 1. Mär 2017, 08:45

Hallo Norbert,

das ist ja der Wahnsinn! Kaum wiederzuerkennen, nach der Restaurierung. Hätte ich beim betrachten des ersten Bildes nicht für möglich gehalten, dass die Uhr so schön sein könnte. Besonders die Seitenansicht gefällt mir sehr gut, weil man so schön die Feinheit der Intarsien sieht.
Frage mich nur, wie die das Verleimen ursprünglich bei der Herstellung bewerkstelligt haben?

Glückwunsch zu der gelungenen Arbeit!

Grüße
Bernd

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gegensatz
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Re: Restauration einer franz. Boulleuhr

Beitrag von gegensatz » Mi 1. Mär 2017, 11:27

steffl62 hat geschrieben:Hallo Norbert,
Wow! Ganz tolle Arbeit mit einem Super Ergebnis und auch vielen lieben Dank für diesen ausführlichen Bericht, hab so einiges neues daraus gelernt.

lg Christian
Hallo Christian,

vielen Dank für Dein Kompliment. Es freut mich umso mehr, daß Dir meine Arbeit gefällt, denn Sylvia und Du wissen, nachdem Ihr auch viele Restaurationen gemacht habt und noch macht, wieviel Arbeit eigentlich in den Details dahintersteckt. Wenn man die Uhr jetzt so sieht, glaubt eigentlich keiner, wieviele Stunden und Wochen man daran wirklich gearbeitet hat. Es macht mir immer viel Spaß und Freude, wenn eine alte Uhr, die ziemlich ramponiert ist, wieder in ihrem ursprünglichen Zustand erscheint.

Liebe Grüsse

Norbert

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gegensatz
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Re: Restauration einer franz. Boulleuhr

Beitrag von gegensatz » Mi 1. Mär 2017, 11:49

besra hat geschrieben:Hallo Norbert,

das ist ja der Wahnsinn! Kaum wiederzuerkennen, nach der Restaurierung. Hätte ich beim betrachten des ersten Bildes nicht für möglich gehalten, dass die Uhr so schön sein könnte. Besonders die Seitenansicht gefällt mir sehr gut, weil man so schön die Feinheit der Intarsien sieht.
Frage mich nur, wie die das Verleimen ursprünglich bei der Herstellung bewerkstelligt haben?

Glückwunsch zu der gelungenen Arbeit!

Grüße
Bernd

Hallo Bernd,

herzlichen Dank für Deine Anerkennung und es freut mich sehr, daß Dir meine Arbeit gefällt. Ich habe wirklich großen Respekt vor den damaligen Uhrenherstellern, denn für diese feine Boulle-Technik mußte derjenige schon ein wirklich großes handwerkliches Geschick besitzen, weil gerade diese feinen Intarsien reine Handarbeit waren.
Soweit mir bekannt ist, wurden die Messingintarsien mit Knochenleim im Schildpatt verklebt. Mich hat das Verkleben der losen Teile oft manchmal zur Verzweiflung gebracht, vor allem an den Rundungen mit der Fixierung beim Kleben. Aber es geht Alles, man muß dabei viel Geduld haben und Jemanden, der Dir mit Tipps und Tricks hilft, vor allen Dingen, wenn man es das Erstemal macht.

Liebe Grüsse

Norbert

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Typ1-2-3
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Re: Restauration einer franz. Boulleuhr

Beitrag von Typ1-2-3 » Mi 1. Mär 2017, 16:51

Eine tolle Uhr und sehr schön wieder in Form gebracht!

Wahrscheinlich waren die Uhren nicht umsonst auch damals so teuer. Auch damals kostete Arbeitszeit Geld, wenn auch nicht so wie heute.

Frank

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gegensatz
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Re: Restauration einer franz. Boulleuhr

Beitrag von gegensatz » Mi 1. Mär 2017, 18:17

Typ1-2-3 hat geschrieben:Eine tolle Uhr und sehr schön wieder in Form gebracht!

Wahrscheinlich waren die Uhren nicht umsonst auch damals so teuer. Auch damals kostete Arbeitszeit Geld, wenn auch nicht so wie heute.

Frank
Hallo Frank,

vielen Dank für Dein Lob, das mich sehr gefreut hat. Du hast sicher recht, daß sich so eine Uhr Mitte bis Ende des 19. Jhd. nicht jeder leisten konnte. Meine Boulle ist mit 36 cm ziemlich klein, aber es werden auch Boulleuhren angeboten, die mit Sockel oft über einen Meter hoch sind. Vermutlich waren die damals nur in Herrschaftshäusern zu finden.

Nochmals Danke und viele Grüsse.

Norbert

petsch
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Re: Restauration einer franz. Boulleuhr

Beitrag von petsch » Do 2. Mär 2017, 10:01

Hallo Norbert,
auch von mir ein großes Lob.

Ich habe schon einige dieser Uhren gehabt und wieder verkauft. Gut erhaltene und ramponierte. Aber ich habe mich nie daran getraut die Boullearbeiten zu restaurieren, hab sie deshalb immer wieder so verkauft wie sie waren und die Restaurierung dann anderen überlassen.

Du zeigst, dass es geht, auch für jemanden, der so etwas nie gemacht hat, aber dafür handwerkliches Geschick hat.

Vielen Dank dafür.

Gruß
Peter

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gegensatz
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Re: Restauration einer franz. Boulleuhr

Beitrag von gegensatz » Do 2. Mär 2017, 10:54

petsch hat geschrieben:Hallo Norbert,
auch von mir ein großes Lob.

Ich habe schon einige dieser Uhren gehabt und wieder verkauft. Gut erhaltene und ramponierte. Aber ich habe mich nie daran getraut die Boullearbeiten zu restaurieren, hab sie deshalb immer wieder so verkauft wie sie waren und die Restaurierung dann anderen überlassen.

Du zeigst, dass es geht, auch für jemanden, der so etwas nie gemacht hat, aber dafür handwerkliches Geschick hat.

Vielen Dank dafür.

Gruß
Peter
Hallo Peter,

einen ganz herzlichen Dank an Dich für Dein Lob für meine Arbeit. Als ich die Uhr gekauft habe, war mir schon klar, daß hier Restaurierungsbedarf besteht und als Hobbyschrauber hat mich das auch gereizt. Als ich dann allerdings den Uhrenkorpus ohne die Verzierungen mit einem Großteil der abgelösten Intarsien vom Korpus gesehen habe, habe ich zu mir gesagt, das kriege ich nie hin. Es war auch nicht zu übersehen, daß an vielen Stellen schon einmal versucht worden war, die Intarsien mit Sekundenkleber zu befestigen, was aber auch nicht funktioniert hatte. Für mich stellten sich 4 Fragen: 1. mit welchem Kleber kann ich die Intarsien befestigen, sodaß man es hinterher nicht mehr sieht? 2. wie und mit was fixiere ich die geklebten Intarsien, bis der Kleber ausgehärtet ist? 3. wie bekomme ich den Kleber, der zwangsläufig seitlich herausquillt, dann wieder weg? 4. Sollte dies Alles klappen, mit welchem Mittel bekomme ich die Intarsien wieder schön goldgelb?

Wie schon anfangs geschrieben, hatte ich kompetente Hilfe durch ein Forumsmitglied, der mich dann auf den richtigen Weg gebracht hat, wie eingangs beschrieben. Nun wußte ich zwar, wie es in der Theorie funktioniert, aber die Praxis sah dann doch ganz anders aus. Egal, es hat letztendlich dann geklappt und die Freude meinerseits war riesengroß.

Nochmals Danke und liebe Grüsse.

Norbert

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Re: Restauration einer franz. Boulleuhr

Beitrag von Typ1-2-3 » Do 2. Mär 2017, 13:36

Bei so einer Reparatur ist immer auch (!) der Weg das Ziel. Trotz oder gerade wegen der Probleme am Wegesrand machen solche Aktionen Spaß

Frank

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