Eigenbau einer Sekunden-Pendeluhr mit 2 Pendeln

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ralf43
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Eigenbau einer Sekunden-Pendeluhr mit 2 Pendeln

Beitrag von ralf43 » Sa 29. Dez 2018, 17:21

Eigenbau einer Sekunden-Pendeluhr mit 2 Pendeln

Liebe Uhrenfreunde,

die Idee, den Isochronismusfehler mit Hilfe zweier Pendel auszugleichen ist nicht neu, aber sehr reizvoll.
Ich wünsche euch viel Spaß mit meinem Bericht.

Grundsätzlich benötigen wir für eine solche Uhr zunächst einmal zwei Uhrwerke von sehr guter Qualität. Die beiden dazugehörigen Pendel müssen dann auf einem Pendelblock aufgehängt werden um als Resonanzpendel wirken zu können.
Um ein möglichst gutes Gangergebnis zu erzielen sollte der Pendelantrieb am Pendelfederknickpunkt ansetzen. Bei meinen Recherchen habe ich drei Exemplare gefunden. eine von David Walter aus England und zwei von Breguet.

Pendel
Die erste Überlegung galt den Pendeln. An meiner Sec.-Pendeluhr habe ich, mit recht guten Ergebnissen, einen Invarstab verwendet.
Jedoch geht die Uhr bei kleinen Temperaturänderungen vor oder nach. Sie macht kleine Sprünge. Diese Fehler bekomme ich nicht reguliert.
Meinen Versuch mit einer Quarzstange habe ich verworfen, weil die gesamte Aufhängung, samt Linsenbefestigung nur mit Klemmvorrichtungen zu bewerkstelligen ist.
Also bleibt noch das alte, bewährte Holzpendel. Da sich das Holz bei Temperaturänderung nur in der Breite ausdehnt und fast gar nicht in der Länge, habe ich mich dafür entschieden. (Der Ausdehnungskoeffizient von Fichte kommt nah an Quarz heran).
Die Pendelstangen müssen natürlich sorgfältig präpariert werden.
In einer Plastikröhre, gefüllt mit 1,5 Liter Leinöl, saugen die Stangen sich langsam voll. Nach 2 Wochen Leinölbad erhalten Sie noch einen schwarzen Ölfarbenanstrich. So präpariert kann auch die Luftfeuchtigkeit den Pendelstangen nichts mehr anhaben.
DSC07827_01.jpg

Räderwerk
Das komplette Räderwerk habe ich von der Mechanik M3 der Firma Erwin Sattler übernommen, ausgenommen das Gangrad. Die hohe Qualität und auch die Zähnezahlen entsprechen durchaus einer PPU.
Beide Werke habe ich in gestürzter Bauweise ausgeführt.
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Hemmung
Die Hemmung ist eine ruhende Hanhartsche-Stiftenhemmung, mit der ich schon gute Erfahrung bei meiner 2 Sec.-Pendeluhr gemacht habe.
Das Hemmungsrad muß mit äußerster Sorgfalt angefertigt werden. Die abgeflachten Stifte haben eine Toleranz von -0,02 mm.
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Das Ausrichten der beiden Hemmungen ist eine echte Sisyphusarbeit. Man braucht richtig viel Geduld. Aber die eigentlichen Schwierigkeiten kommen noch. Die Pendelaufhängung in einem Block für beide Pendel hat nicht funktioniert. Erst die bewegliche Anordnung in der Bewegungsrichtung des Pendels hat den gewünschten Erfolg gebracht.
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Die Scheren inklusive der Paletten sind aus einem Stück härtbarem Stahl ausgesägt. Das Teil der Schere mit dem 90° Winkel ist kalt geschmiedet, anschließend gefeilt, geschliffen und die Paletten glashart gehärtet, angelassen und poliert.
DSC07233_01.jpg
Platinen
Die Platinen habe ich aus 4 mm MS 58 angefertigt, dann geschliffen und zaponiert. Alle Lager größer als 1,5 mm sind gekapselte Kugellager, die kleineren Rubinlager.


Regulierung
Das Regulieren dieser Uhr ist nicht ganz einfach. Die beiden Pendel können sich nicht nur vorzüglich ergänzen, sondern auch das Gegenteil bewirken (die Uhr bleibt stehen).
Zuerst muß jedes Werk für sich reguliert werden. Bei einer Genauigkeit von etwa 1 Sec/Tag beeinflussen sie sich in gewünschter Art. Sie laufen absolut synchron. Jetzt ist der Moment erreicht, die Feinregulierung (mit Gewichten ) in Angriff zu nehmen.
DSC07247_01.jpg


Ich hoffe euch gefällt meine neue Uhr?!
Fragen dazu beantworte ich euch gerne…

Viele Grüße aus Freiburg

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teslak
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Re: Eigenbau einer Sekunden-Pendeluhr mit 2 Pendeln

Beitrag von teslak » So 30. Dez 2018, 09:36

Hallo Ralf,

ich bin begeistert was du gebaut hast und hier zeigst. Hut ab.
Kannst du bitte noch ein wenig mehr zu der Uhr schreiben? Mich würden die Pendelfedern interessieren, auch deine Pendelstab-Präparation würde mich noch im Detail interessieren. Du schreibst, dass du mit dem Invar-Stab keine guten Erfahrungen gemacht hast. War der Stab möglicherweise über-oder unterkompensiert? Denn der üblicherweise angegebene Ausdehnungskoeffizient muss nicht, oder stimmt in den wenigsten Fällen.

Ich habe meinen Stab über einen Bereich von Zimmertemperatur bis +50° in der Länge (in 10° Schritten) vermessen lassen und mit den ermittelten Werten einen "durchschnittlichen " Ausdehnungskoeffizienten ermittelt. Bis jetzt merke ich auch Temperaturschwankungen aber die Uhr läuft in einen für meine Begriffe sehr ordentlichen Bereich. Die Aufzeichnungen laufen seit den 12 Dezember 2017 und haben bis heute eine Absolute Abweichung von, Start +3,5S bis heute +1,9S ergeben. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn es hat in den Monaten dazwischen Aufsummierungen bis max +7,5S (im Sommer) und den Nachgang zurück auf +1,9S heute gegeben. Bezogen auf die einzelnen Monate war die größte Abweichung 3 S, die geringste 0S.
Ich führe das ordentliche Ergebnis auf die richtig gewählte Kompensation zurück.

Du hast auf jeden Fall eine sehr eindrucksvolle Uhr gebaut, zu der ich dich beglückwünsche.

Gruß,
Dieter

winne
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Re: Eigenbau einer Sekunden-Pendeluhr mit 2 Pendeln

Beitrag von winne » So 30. Dez 2018, 12:45

Hallo

Ralf vielen Dank fürs zeigen !
Eine wirklich tolle Arbeit , da ich auch schon zwei PPU gebaut habe weiß ich
Was das für Anstrengungen sind !!!!
Meine Anerkennung , ich hoffe Du berichtest uns weiter von deiner Uhr !


Gruß Winne

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derTeichfloh
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Re: Eigenbau einer Sekunden-Pendeluhr mit 2 Pendeln

Beitrag von derTeichfloh » So 30. Dez 2018, 15:05

Hallo Ralf,

vielen Dank für das Zeigen und noch mehr für die Erklärungen. Das findet man heute nur noch selten.

mfg
derTeichfloh
HolzZahnRadUhrenSammler

petsch
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Re: Eigenbau einer Sekunden-Pendeluhr mit 2 Pendeln

Beitrag von petsch » Mo 31. Dez 2018, 10:47

Hallo Ralf,
vielen Dank für die Vorstellung Deiner Doppelpendeluhr. Eine wunderbare Arbeit und sehr schön für uns in Szene gesetzt.

Unser ehemaliges , inzwischen leider verstorbenes Forenmitglied Josef Sulzer, hatte uns auch schon mal eine gezeigt, allerdings mit einer anderen Hemmung : viewtopic.php?f=15&t=810#p7441
Dass es daneben nur eine sehr begrenzte Anzahl von Uhrmachern gibt, wie beispielsweise Schauerte oder Haldimann, die auch das Prinzip des Doppelpendels anwenden, zeigt wohl, wie schwierig es ist , so eine Uhr zu bauen.

Gruß
Peter

PS: Ein Artikel über die Doppelpendeluhr von Breguet war in Klassik Uhren 1/1995, falls jemand dieses Heft noch hat.

ralf43
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Re: Eigenbau einer Sekunden-Pendeluhr mit 2 Pendeln

Beitrag von ralf43 » Mo 31. Dez 2018, 14:12

Liebe Forenmitglieder, liebe Uhrenfreunde!
Ich bedanke mich für euren Zuspruch und eure freundlichen Kommentare.
Wer eine PPU bauen kann hat auch keine Probleme zwei anzufertigen.Sie dann nebeneinander hängen den Pendelblock für zwei Pendel richten geht auch noch ohne große Schwierigkeiten.Ich möchte Euch einfach nur Mut machen außer der Reihe etwas zu versuchen.
Mir ging es eigentlich nicht darum eine "höchstpräzise"Uhr zu bauen.Ich wollte mit verhältnismäßig einfachen Mitteln ein möglichst gutes Gangergebnis erreichen.
Für Dieter möchte ich einfügen: Ich bin am Anfang des regulierens.Die Abfallgeräusche und die Dauer der Ruhephasen von beiden Uhren zu koordinieren ist richtig schwierig.Mann hört den kleinsten Unterschied.Dann ändert man wieder etwas an der Schere und du fängst wieder von vorne an.Im Moment läuft die Uhr die dritte Woche ohne merkliche Differenz.
Ich schicke noch einige Bilder hinterher.Mit dem verkleinern habe ich immer wieder Schwierigkeiten.
Bis bald im Forum und ein arbeitsreiches Neues Jahr wünscht Ralf43

ralf43
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Re: Eigenbau einer Sekunden-Pendeluhr mit 2 Pendeln

Beitrag von ralf43 » Di 1. Jan 2019, 16:28

Wie versprochen hier noch drei Bilder.
1. Frontansicht
2. Scheren + Gangräder
3. Meine Werkstatt (Größere Maschinen habe ich nicht. Aber ich kann gut feilen. ;) )

Schöne Grüße aus Freiburg
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