Comtoise 2.0 (Projekt "Upcycling")

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hansjung
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Comtoise 2.0 (Projekt "Upcycling")

Beitrag von hansjung » Fr 8. Feb 2019, 07:38

.
Ich bin beim Aufräumen des PC's zufällig auf die Bilder von meinem Comtoise-Projekt gestoßen.
Einige sind nicht ganz so toll da es nicht geplant war die Fotos in ein Forum zu stellen, aber das Wesentlich
sollte mit der Beschreibung erkennbar und nachvollziehbar sein. Also, viel Spaß beim Lesen.

Ausgangslage

Im Keller dümpelte seit Jahren ein Comtoise "Kopf" in der Großuhrenkiste herum. Verrostet, verbogen, ohne Zeiger,
Werk vergammelt und fest, Schlaggestänge krumm, Resonanzboden mehrfach gerissen etc., eigentlich Kernschrott.
Ein "Anker" Modell mit Gong von ca. 1890, dass nur noch für Ersatzteile aufgehoben wurde.
3.jpg


Da sollte doch noch etwas Sinnvolles mit anzufangen sein? -> :idea:


Das Projekt
Ran ans Werk (im wahrsten Sinne des Wortes): Alles erst einmal ordentlich mit WD40 eingesprüht,
zwei Tage einwirken lassen, vorsichtig in die Bestandteile zerlegt,
4.jpg

den Käfig entrostet, grundiert und (Mut zur Lücke) in rot mehrfach lackiert.
5.jpg

Das Gleiche natürlich auch mit allen Innereien inkl. Schrauben, Splinten…
6.jpg

Die „Räderei“, geschliffen, poliert, Zähne geputzt und ggf. gerichtet, Seilrollen nachgelötet
und die Sperrklinken lackiert 8-) (wenn schon, denn schon; es war ja eh alles auseinander)
7.jpg

Die Zahnräder kontrolliert, verbogene Achsen und den einen oder anderen Zahn gerichtet.
Als nächstes an die Lagerbuchsen: säubern, kontrollieren, ggf. tauschen und das Gangwerk
wieder zusammensetzen + zwischendurch immer wieder eine Funktionskontrolle.
8.jpg

Danach das Schlagwerk und die Uhr erst einmal ein paar Tage mit einem alten Pendel
(auch zum Herausfinden der notwendigen Länge) und alten Gewichten laufen lassen.
Und, siehe da, das Gerät funktionierte (mit etwas Nacharbeit und Lager ölen) gut und
lief mit +/- 2 Min. Tag auch schon mal ziemlich genau, aber sah damit aber grausam aus.

Da musste etwas Besseres her!


Hat du keins, bau dir eins

(also weder ein vernünftiges Pendel, noch Gewicht(e))
Es sollte schon alles optisch zusammenpassen und nicht mehr „prähistorisch“ sein.

Heraus kam das:
11.jpg
Ein Pendel aus Messingrohr mit eingelöteter Mutter, Gewindestand mit Konterscheibe und eingepresster Messingmutter.
Als Gewicht ein abgeschliffenes, lackiertes und aufgebohrtes Senklot in dem die Gewindestange eingeschraubt ist.
Oben für die Aufhängung ein eingelöteter Stahlhaken. Gesamtlänge 105cm, Verstellbereich +/- 3cm, gesamt ca. 220g.

Dann kamen die Gewichte:
10.jpg
60mm Eisenrohr Abschnitte, 4mm Wandstärke mit einer Länge von 14cm besorgt, mit Blei (Dachrinnenlot)
ausgegossen, grundiert, lackiert und oben mit einem Messinghaken versehen.

11b.jpg
Die Seile sollten auch nicht aus Hanf bleiben, hier wurde es ein Messingseil (zum Aufhänge von Bildern).
Absolut störrisches Zeugs :x , aber mit viel Gefühl und Fluchen gelang irgendwann das vernünftige Aufwickeln
(aber nur wenn die Gewichte hingen damit die Seile auf Zug waren).
Die Scheiben für den Seilstopp wurden zwingend notwendig, da die Gewichte nur abgenommen werden können
wenn die Seile auf „Spannung“ (ganz) aufgewickelt sind, da sich sonst das Seil wie eine entspannte Feder im Werk
gleich abwickelt (-> extrem blöd, da sich dann alles im Gehäuse verheddert).


Die Kür
Schwieriger wurde es jetzt: Das Uhrwerk sollte zu (dreckt ja sonst alles ein), aber sehen sollte man auch noch alles.
Einzige Möglichkeit: Plexiglas Platten (3mm).

Vorn: (noch) kein Problem, zurechtschneiden ging mittels Tischkreissäge und Metallblatt ganz gut und sauber.
Mit einer Schablone die Löcher fräsen ging auch und die Messing Indexe anbringen war eine Kleinigkeit.
Die neuen Zeiger wurden aus Messingrohresten und Teilen von abgebrochenen Comtoise Zeigern gelötet,
geschliffen und angepasst.
12.jpg

Hinten: Wie vorn zugeschnitten und nach dem Entrosten und Lackieren der Gong Spirale
die richtige Position für diese gesucht. Die Spirale befestigt und die Platte, nach dem Ausrichten
und neu „beledern“ der Schlagfäche des Schlaghammers, am Käfig angebracht.

Soweit, so gar nicht gut. (Stellte sich später heraus als das Gehäuse ganz zu war)
Der Klang war so absoluter Mist, leise, scheppernd, schlichtweg unmöglich.

Es lag wohl:
A) an den Schwingungseigenschaften von Plexiglas die sich nun überhaupt nicht mit dem Gong vertrugen.
B) die Platte (zu) fest am Käfig verschraubt war.
C) nichts mehr vom „Klang“ von innen nach außen drang.

Platte also wieder ab, Distanzhülsen aus dem Messingrohr geschnitten, den Hammer geändert,
mit U-Scheiben (Messing/Kunststoff) experimentiert und die Platte etwas anders am Käfig befestigt.
Klang -> nach einigen Justierungen sauber, "warm" und in angenehmer Lautstärke :)
14.jpg

Die Seiten: Ich hatte nicht gedacht, dass die das Hauptproblem werden sollten.
Wie orig. als Klapptüren machen ging nicht (Scheibe zu dick und ließen sich nur einen Spalt öffnen).
Von außen wie vorn und hinten befestigen war auch nichts.
Sähe nicht gut aus und die Seiten sollten sich wegen evtl. Wartungen leicht öffnen lassen.
Mit „Zapfen“ einsetzen war der Plan.

Dazu wurden vorn an beiden Seiten Löcher an den gleichen Stellen wie hinten (orig. Löcher für die Türen)
in den Deckel und Boden gebohrt. Danach an exakt diesen Stellen jeweils 4 Bohrungen mit 1,5mm Durchmesser
und 15mm Tiefe in die je Seitenteilegebohrt (nicht durch, sondern hinein s. Bilder).
Jeder der so etwas schon einmal gemacht hat mag erahnen wie toll es geht in 3mm Materialstärke ein
1,5mm Loch mind. 15mm tief zu bohren ohne die Platte vernünftig einspannen zu können.
Nach gefühlt 27,5 vermanschten Scheiben und falsch sitzen Löchern war es dann geschafft. Jetzt noch passende
Stifte angefertigt und eingesetzt. Die Stifte sind unten fest in der Scheibe, sodass die Scheibe unten ins Gehäuse
"gestellt" wird und oben dann mit durch den Deckel eingesteckten Zapfen (gekürzte Messingnägel) gesichert wird.
15.jpg



Das Ergebnis

Noch einen in „Wagenfarbe“ lackierten Wandhalter hergestellt und geschafft.
16.jpg


18.jpg
(o.k., der Unterschied zu vorher ist letztlich nur minimal ausgefallen :lol: )


Ich meine, das Resultat von "Projekt Comtoise 2.0" kann sich sehen lassen:
(und läuft mit einer Abweichung von etwa +/- ½ Min./Woche einwandfrei)

19.jpg
Eigentlich wollte ich die Uhr nach Fertigstellung, wegen schon einiger vorhandener Comtoise, verkaufen.
Da stellte sich nur die Frage: was kann man für diese Uhr (und die Arbeitsstunden + Material) verlangen???
Aber meine „Comtoise 2.0“ gefiel mir dann so gut, dass sie inzwischen einen festen Platz gefunden hat
und sich diese Überlegung erledigt hatte.



Keywords: Comtoise, Comtoise Restaurierung, Comtoise Projekt, Comtoise Pendel, Comtoise Gewichte
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petsch
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Re: Comtoise 2.0 (Projekt "Upcycling")

Beitrag von petsch » Fr 8. Feb 2019, 13:13

Hallo Hansjung,
vielen Dank für den etwas anderen Bericht über eine alte Comtoise. Oder besser gesagt über ein Werk aus der Bastelkiste.
hansjung hat geschrieben:
Ich meine, das Resultat von "Projekt Comtoise 2.0" kann sich sehen lassen
Das meine ich auch, eine alte Uhr in moderner Gestalt. Die würde ich auch nicht wieder verkaufen.
Über die modernere Benutzung und Sichtbarmachung eines alten Werkes mit dem Schutz durch Acrylglas hatte ich auch schon nachgedacht, aber die Aufpeppung durch die rote Lackierung, den Mut muss man erst haben.

Gruß
Peter

steffl62
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Re: Comtoise 2.0 (Projekt "Upcycling")

Beitrag von steffl62 » Fr 8. Feb 2019, 17:44

Hallo Hansjung,
Deine Uhr ist super geworden!
Vielen Dank fürs mitnehmen, ist ein ganz toller Beitrag.

lg Christian
.
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Ursus
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Re: Comtoise 2.0 (Projekt "Upcycling")

Beitrag von Ursus » Fr 8. Feb 2019, 19:08

Sehr geschmackvoll. Respekt!

Ursus

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